Nissen, Georg Nikolaus

Biographie W. A. Mozarts

hg. und mit Anmerkungen versehen von Rudolph Angermüller

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Olms, Hildesheim 2010
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 66

Der dänis­che Diplo­mat Georg Niko­laus Nis­sen (1761–1826) hat sich in die Musikgeschichte eingeschrieben als Kom­pi­la­tor der Biogra­phie W. A. Mozarts – nach Orig­i­nal­briefen, Samm­lun­gen alles über ihn Geschriebe­nen, mit vie­len neuen Bey­la­gen, Stein­drück­en, Musik­blät­tern und einem Fac-sim­i­le, die 1829 erst­mals bei Bre­itkopf & Här­tel in Leipzig erschien. Nis­sen – der zweite Ehe­mann Con­stanze Mozarts, die in der Erstaus­gabe als Her­aus­ge­berin fig­uri­erte – war unter­stützt wor­den durch den Salzburg­er Chordi­rek­tor Anton Jäh­ndl und den Altöt­tinger Organ­is­ten und Kom­pon­is­ten Max­i­m­il­ian Keller; nach Nis­sens Tod besorgte der Dres­d­ner Arzt Johann Hein­rich Feuer­stein die Edi­tion. Einen „mon­u­men­tal­en Mate­ri­al­haufen“ nan­nte bere­its Arthur Schurig die Pub­lika­tion, die keine wirk­lich durchgängige Biografie bietet, son­dern in der vor allem – wie im Unter­ti­tel gesagt – Doku­men­tar­ma­te­r­i­al zusam­menge­tra­gen ist, Doku­men­tar­ma­te­r­i­al von unter­schiedlichem Wert und unter­schiedlich­er Über­liefer­ungsqual­ität.
Rudolph Anger­müller hat sich sein Leben lang mit Mozart beschäftigt und ist mit Nis­sens Buch zutief­st ver­traut, und so ist es beson­ders erfreulich, dass ger­ade er eine kom­men­tierte Neuaus­gabe vorgelegt hat. Immer wieder ist der Reich­tum der Kom­mentare eine mehr als erfreuliche Ergänzung des orig­i­nalen Text­ma­te­ri­als, nicht nur durch die Erläuterung von Per­son­alien, son­dern auch von Zusam­men­hän­gen, die erst die neuere Mozart-Forschung aufgedeckt hat. So gewin­nen diese his­torischen Quellen, selb­st wenn viele von ihnen heute ver­loren sind, auch im Nach­hinein noch deut­lich an Wert. Auch wer­den allen bekan­nten Orig­i­nalquellen die heute gülti­gen Stan­dorte zugewiesen, wodurch Abwe­ichun­gen zwis­chen Nis­sens Tran­skrip­tio­nen und dem orig­i­nalen Wort­laut über­prüf­bar wer­den.
Lei­der wer­den solche Abwe­ichun­gen aber nicht direkt kom­men­tiert, und auch gedruck­te Tex­tquellen ins­beson­dere von anderen als Mozart selb­st sind häu­fig nicht erschlossen. Auch dass auf ergänzende Bebilderung verzichtet wurde, die ver­schiedene Abschnitte der Orig­i­nalpub­lika­tion noch deut­lich anschaulich­er gemacht hätte, ist mit Blick auf den Umfang des Buch­es zwar nachvol­lziehbar, aber den­noch bedauer­lich.
Die Anhänge (Bib­lio­thekssiglen, ein Lit­er­aturverze­ich­nis, ein Werkreg­is­ter sowie ein umfan­gre­ich­es Namen­reg­is­ter) erschließen den Band sin­nvoll, wenn auch nicht immer sehr benutzer­fre­undlich – das Werkreg­is­ter etwa gibt auss­chließlich die KV-Num­mern und keine Werk­ti­tel, das Lit­er­aturverze­ich­nis strotzt vor ein­er lei­der über­großen Menge an Querver­weisen.
In ihrer Art ist diese Veröf­fentlichung eine Pub­lika­tion, mit der man sich länger und immer wieder befassen kann (und muss), und jedes Mal mit stets größerem Gewinn, da einem die Eigen­heit­en des Her­aus­ge­bers zunehmend ver­trauter und ver­ständlich­er wer­den – oft zeu­gen sie von einem hohen Grad an Effizienz.
Jür­gen Schaar­wächter