Beer, Alexander

Berufsziel: Blasorchesterdirigent

Neue Perspektiven für Hochschulabsolventen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 09/2009 , Seite 24
Blasorchester wollen sich nicht mehr damit zufrieden geben, Dirigentenposten aus den eigenen Reihen zu besetzen. Im europäischen Ausland sind Studiengänge für Blasorchesterleitung seit Jahrzehnten etabliert. Süddeutsche Hochschulen bieten nun ebenfalls Ausbildungen an, die für Bläser und Schlagzeuger interessant sein können. Ein Überblick.

Zwar hat sich die Anzahl der deutschen Polizei- und Mil­itär­bla­sor­ch­ester in den ver­gan­genen Jahren ver­ringert, doch bei den Ama­teurensem­bles ist ein kon­tinuier­lich­er Anstieg zu verze­ich­nen. Bläser­musik wird heute über­wiegend von Jugendlichen und jun­gen Erwach­se­nen aus­geübt – entwed­er in Musikschu­lensem­bles oder in Vere­inen. In den ver­gan­genen zehn Jahren grün­de­ten sich zudem ver­mehrt Bläserk­lassen und kleine Bla­sor­ch­ester an all­ge­mein bilden­den Schulen. Viele Vere­ins­bla­sor­ch­ester haben sich dem föder­al struk­turi­erten Bla­sor­ch­ester-Ver­bandswe­sen und seinem Dachver­band, der Bun­desvere­ini­gung Deutsch­er Musikver­bände (BDMV) mit Sitz in Stuttgart, angeschlossen. Dem BDMV gehören über 1,3 Mil­lio­nen Mit­glieder von mehr als 18000 Ensem­bles in 11000 Mit­gliedsvere­inen an, organ­isiert in 24 einzel­nen Mit­gliedsver­bän­den.
Die zunehmende Aktiv­ität von Musikschu­lensem­bles und Schulen auf diesem Sek­tor führt dazu, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr, wie es in der Ver­gan­gen­heit gängige Prax­is war, ihren Instru­men­talun­ter­richt von älteren Laien­musik­ern im Vere­in erhal­ten, son­dern sich von der ersten Note an in der Obhut erfahren­er Musikpäd­a­gogen und Orch­ester­musik­er befind­en. Das daraus resul­tierende steigende Niveau der instru­men­tal­en Fähigkeit­en der Musik­er in den Bla­sor­ch­estern ermöglicht die Erar­beitung immer anspruchsvollerer Lit­er­atur. Viele Orch­ester brin­gen inzwis­chen orig­inelle und kün­st­lerisch hochw­er­tige sin­fonis­che Orig­i­nal­w­erke für Bla­sor­ch­ester in ihren Konz­erten auf die Bühne.

Neben­beru­fliche Diri­gen­te­naus­bil­dung
Mit dem Kön­nen der Musik­er wach­sen gle­ichzeit­ig die Ansprüche an die Diri­gen­ten. Musikschu­lensem­bles wer­den heute in der Regel von studierten Instru­men­talpäd­a­gogen oder Orch­ester­musik­ern aus dem Kol­legium geleit­et. Zumeist haben sie ihre Dirigierken­nt­nisse an der Hochschule im Neben­fach­bere­ich, bei Fort­bil­dun­gen oder auch auto­di­dak­tisch erwor­ben. Die Blas­musikver­bände haben seit den 1960er Jahren ein gut ineinan­der verzah­ntes Aus­bil­dungssys­tem entwick­elt, das Fort­bil­dun­gen auf ver­schiede­nen Stufen ermöglicht.
Inter­es­sant für die Ziel­gruppe Beruf­s­musik­er und Musik­stu­den­ten wird es ab den so genan­nten B-Kursen. Sie find­en an der 1972 ein­gerichteten Bun­de­sakademie für musikalis­che Jugend­bil­dung in Trossin­gen statt. In sechs ein­wöchi­gen Akademiephasen und beglei­t­en­den Prax­is­phasen beschäfti­gen sich die Teil­nehmer einein­halb Jahre inten­siv mit den Fäch­ern Dirigieren, Proben­methodik, Gehör­bil­dung, Musik­the­o­rie, Musikgeschichte, Reper­toirekunde und Instru­men­tal­spiel. Betra­chtet man die Anmeldezahlen, zeigt sich ein­deutig, dass die Kurse auch nach über 30 Jahren rege nachge­fragt wer­den. Im Okto­ber 2009 begin­nt der inzwis­chen 25. B-Lehrgang in Trossin­gen. Wie in den Jahren zuvor wur­den die Diri­gen­ten Felix Hauswirth (Schweiz) und Johann Mösen­bich­ler (Öster­re­ich) als Haupt­dozen­ten verpflichtet.
Seit eini­gen Jahren macht das Rund­funk-Bla­sor­ch­ester Leipzig (RBO) durch kün­st­lerisch-päd­a­gogis­che Pro­jek­te auf sich aufmerk­sam. Als einziges ziviles Berufs­bla­sor­ch­ester in Deutsch­land hat es sich neben dem Konz­ertieren mit sein­er „Bläser­akademie Sach­sen“ zur Auf­gabe gemacht, Diri­gen­ten für Jugend- und Laien­bla­sor­ch­ester fortzu­bilden. Im März 2009 startete der noch nicht ganz so traditions­reiche, aber immer­hin sech­ste B-Lehrgang nach Trossinger Vor­bild. Dirigier­dozent ist der Nieder­län­der Pierre Kui­jpers. Während in Tros­singen ein Teil­nehmerorch­ester für den Dirigierun­ter­richt zusam­mengestellt wird, ste­ht den Leipziger Kan­di­dat­en mit dem Rund­funk-Bla­sor­ch­ester ein pro­fes­sioneller Klangkör­p­er zur Ver­fü­gung.

Trendwende in der Aus­bil­dung dank Impulsen aus dem Aus­land
Bis vor eini­gen Jahren kon­nten motivierte Lehrgang­steil­nehmer der Blas­musikver­bände eine Aus­bil­dung zum Berufs­diri­gen­ten für Bla­sor­ch­ester nur im angren­zen­den europäis­chen Aus­land absolvieren. In den Nieder­lan­den, der Schweiz und Öster­re­ich sind der­ar­tige Stu­di­engänge zum Teil seit Jahrzehn­ten tra­di­tionell an den Musikhochschulen und Kon­ser­va­to­rien ver­ankert. Geringe Sprach­bar­ri­eren und ein­fache verkehrstech­nis­che Erre­ich­barkeit macht­en es vie­len zudem möglich, zwis­chen Instru­men­tal­studi­um an ein­er deutschen Hochschule und der Diri­gen­te­naus­bil­dung im Nach­bar­land zu pen­deln. Als her­aus­ra­gende Hochschullehrer mit europaweit exzel­len­tem Ruf sind Jan Cober, Pierre Kui­jpers (bei­de Maas­tricht), Alex Schillings (Den Haag), Felix Hauswirth (Basel), Fran­co Cesari­ni (Zürich und Lugano), Johann Mösen­bich­ler (Linz) und Thomas Doss (Wien) zu nen­nen. Die dort aus­ge­bilde­ten Diri­gen­ten haben in der Bla­sor­ch­ester­land­schaft im Süden und West­en Deutsch­lands eine Mul­ti­p­lika­toren­rolle ein­genom­men. Bei den Vere­inen und Auswahlorch­estern sowie im zweit­en Schritt an den Musikschulen zeigt sich ein kon­tinuier­lich anwach­sendes Inter­esse an Berufs­diri­gen­ten.

Eine deutsche Pro­fes­sur für Bla­sor­ch­ester­leitung
Erst seit dem Jahr 2000, als aus zwei bish­er eigen­ständi­gen Kon­ser­va­to­rien die neue Hochschule für Musik Nürn­berg-Augs­burg gegrün­det wurde, ent­stand die damals erste und bis heute einzige Pro­fes­sur für Bla­sor­ch­ester­leitung in Deutsch­land, auf die Mau­rice Hamers aus den Nieder­lan­den berufen wurde. Zuvor Leit­er der Marinier­skapel der Konin­klijke Marine, baute er in Augs­burg den Stu­di­en­gang und das Sin­fonis­che Bla­sor­ch­ester der Hochschule auf, mit dem er zahlre­iche Konz­erte real­isierte und das für die Aus­bil­dung der Dirigier­stu­den­ten zur Ver­fü­gung stand. Im Zuge der Umstruk­turierung der bay­erischen Musikhochschul­land­schaft wurde 2008 der Augs­burg­er Stan­dort von der heuti­gen Musikhochschule Nürn­berg getren­nt und als Leopold-Mozart-Zen­trum der Uni­ver­sität Augs­burg weit­erge­führt. Das Bla­sor­ch­ester der Hochschule und die Bla­sor­ch­es­ter­diri­gen­te­naus­bil­dung wur­den von diesen Maß­nah­men schw­er getrof­fen. Durch Neustruk­turierung kon­nte der Stu­-dien­gang in Augs­burg erhal­ten bleiben.
Bis­lang zogen auss­chließlich Hochschulen aus Baden-Würt­tem­berg in der Bla­sor­ch­es­ter­dirgen­te­naus­bil­dung nach. 2002 zunächst als Neben- und Wahlfach ein­gerichtet, ver­schafften diverse Pro­jek­te dem Fach genü­gend Rep­u­ta­tion, um an der Musikhochschule Trossin­gen als koor­diniertes Haupt­fach ein­gerichtet zu wer­den. Dozen­ten sind Ste­fan Halder und Toni Scholl, der den Stu­den­ten als Leit­er des Polizeimusikko­rps Baden-Würt­tem­berg enge Kon­tak­te und prak­tis­che Erfahrun­gen im Aus­tausch mit seinem Orch­ester ermöglicht. Das von Ste­fan Halder gegrün­dete Sin­fonis­che Bla­sor­ch­ester „Poly­phonie T Wind“ übern­immt darüber hin­aus die Auf­gaben eines Hochschul­bla­sor­ch­esters, das aus struk­turellen Grün­den bis­lang nicht existiert.
In Mannheim gab es schon lange die Über­legung, in Zusam­me­nar­beit mit der örtlichen Bläser­phil­har­monie eine Diri­gen­te­naus­bil­dung an der Hochschule zu etablieren. Zum Win­terse­mes­ter 2007/08 kon­nten die ersten Studieren­den des Haupt­fach­stu­di­en­ganges „Leitung von Bla­sor­ch­estern“ bei Markus Thein­ert ihre Aus­bil­dung begin­nen. Die eben­falls von Thein­ert geleit­ete Mannheimer Bläser­phil­har­monie ste­ht für die prak­tis­chen Teile des Lehrpro­gramms als Stu­dioorch­ester zur Ver­fü­gung. Die Musikhochschule Stuttgart ver­gab im März 2009 einen neu ein­gerichteten Hon­o­rar­lehrauf­trag an den öster­re­ichis­chen Kom­pon­is­ten und Diri­gen­ten Her­mann Pall­hu­ber. Die genaue Konzep­tion des Stu­di­en­fachs und Details zum Lehrplan sind derzeit in der Erar­beitungsphase.

Auf­bau und Inhalte des Studi­ums
Das Stu­di­en­fach Bla­sor­ch­ester­leitung ist inhaltlich an allen Hochschulen ähn­lich und nach inter­na­tionalen Stan­dards konzip­iert. Deut­liche Unter­schiede ergeben sich allerd­ings aus der Einord­nung, ob die Aus­bil­dung als Neben­fach, Diplom­stu­di­en­gang, Bach­e­lor- oder Mas­ter­ab­schluss eingestuft ist. In Augs­burg erfol­gt die Aus­bil­dung im Rah­men eines achtse­mes­tri­gen Stu­di­en­gangs Bach­e­lor (BA) of Music. An der Trossinger Musikhochschule vere­int ein achtse­mes­triger grund­ständi­ger Stu­di­en­gang „Diplom-Musik­lehrer/in“ die kün­st­lerische Arbeit im Haupt­fach mit einen zweit­en, koor­dinierten Haupt­fach Bla­sor­ch­ester­leitung. In Mannheim stellt die Musikhochschule zum neuen Win­terse­mes­ter 2009/10 den bish­eri­gen achtse­mes­tri­gen Stu­di­en­gang Diplom Musik­lehrer (ML) mit Haupt­fach „Leitung von Bla­sor­ch­estern“ auf einen Bach­e­lor of Music (BM-P) um.
Neben dem eigentlichen Dirigierun­ter­richt zählen vor allem die Fäch­er Reper­toirekunde, Proben­methodik, Dirigier­prak­tis­ches Par­ti­tur­spiel, Instru­mentenkunde, Instrumentation/Arrangieren für Bla­sor­ch­ester, Geschichte des Bla­sor­ch­esters, Par­ti­turstudi­um und Werk­analyse, Dirigier­prax­is und Orch­ester­pro­jek­te zu den Kern­bere­ichen des Lehrplans. Erwäh­nenswert ist der von Anfang an hohe Prax­is­bezug, den sich die Stu­den­ten jedoch aus eigen­er Ini­tia­tive erwer­ben müssen. Fast jed­er leit­et von Beginn des Studi­ums an ein oder mehrere Bla­sor­ch­ester, die über das nötige Niveau ver­fü­gen müssen, die im Unter­richt vorgestell­ten, anspruchsvollen Werke zu real­isieren. Marschmusik oder leichtere Muse haben keinen Platz im Cur­ricu­lum, die Konzen­tra­tion liegt auf der Lit­er­atur für Sin­fonis­ches Bla­sor­ch­ester, aber auch Werken für klein­er beset­zte For­ma­tio­nen. Dank der kon­tinuier­lichen Arbeit in Laien- oder halbpro­fes­sionellen Ensem­bles sam­meln Stu­den­ten schon früh die für Diri­gen­ten unab­d­ing­bare Erfahrung in der Kun­st des Umgangs mit ganz ver­schiede­nen Men­schen­typen sowie weit­ere soziale Kom­pe­ten­zen. Organ­i­sa­tion­stal­ent ist eben­falls von Vorteil, denn oft ist der Diri­gent auch mit Auf­gaben betraut, die über die rein kün­st­lerische Tätigkeit hin­aus­ge­hen.

Der Unter­schied zur Kapellmeis­ter­aus­bil­dung und die Auswirkun­gen
Der Blick in die Voraus­set­zun­gen für die Auf­nah­meprü­fung für Blas­orches­terdirigenten offen­bart einen frap­pan­ten Unter­schied zur Kapellmeis­ter­aus­bil­dung. Neben Moti­va­tion­s­ge­spräch, Vordiri­gat, all­ge­mein­er Musik­lehre und Gehör­bil­dung ist das Vor­spiel eines Blasin­stru­ments oder Schlagzeugs entschei­dend. Klavierken­nt­nisse wer­den im Rah­men der Auf­nah­meprü­fungsvo­raus­set­zun­gen für das instru­men­tale Pflicht­fach gefordert. Während im Kapellmeis­ter­stu­di­en­gang hohe instru­men­tale Fähigkeit­en auf dem Klavier unab­d­ing­bar sind, muss sich der Bla­sor­ch­es­ter­diri­gent auf einem Instru­ment ausze­ich­nen, das in den Orch­estern, die er dirigieren wird, auch gespielt wird. Das ermöglicht Tal­en­ten, die ihre Instru­men­tal­prax­is nicht auf dem Klavier erwor­ben haben, eine voll­w­er­tige Diri­gen­te­naus­bil­dung. Während man sich im Bla­sor­ch­ester­bere­ich jedoch sehr aufgeschlossen gegenüber Absol­ven­ten eines Kapellmeis­ter­stu­di­en­ganges zeigt, existieren studierte Bla­sor­ch­es­ter­diri­gen­ten in der Wahrnehmung von Kul­tur­orch­estern kaum. Über Gründe kann nur spekuliert wer­den, ver­mut­lich steck­en alte Vorurteile oder man­gel­nder Dia­log zwis­chen den Ver­ant­wortlichen bei­der Bere­iche dahin­ter.

Die Chan­cen auf dem Arbeits­markt
Haupt­beru­fliche Diri­gen­ten­stellen im Bla­sor­ch­ester­bere­ich, etwa als Stadt­musikdi­rek­tor, sind sel­ten und vor allem im süd­deutschen Raum zu find­en. Ein bre­it­er Arbeits­markt beste­ht an Musikschulen, wobei sich die Stun­den­dep­u­tate, die einem Diri­gen­ten für die Orch­ester­ar­beit zuge­s­tanden wer­den, von Schule zu Schule sehr unter­schei­den. Bei Musikvere­inen, die ihre Leis­tung steigern wollen, wer­den in den ver­gan­genen Jahren ver­mehrt haupt­beru­fliche Musikschullehrer oder Orch­ester­musik­er mit einem zusät­zlichen Dirigier­studi­um verpflichtet. Die Moti­va­tion eines Vere­ins schlägt sich auch in der Hon­orierung des Diri­gen­ten nieder und ist in der Regel angemessen bis sehr gut.
Pro­jek­torch­ester und über­re­gionale Auswahlbla­sor­ch­ester sind ein gutes Umfeld für Bla­sor­ch­ester­leit­er, die anspruchsvolle Lite­ratur auf­führen möcht­en. Darüber ange­siedelt find­en sich in vie­len Bun­deslän­dern Lan­desju­gend­bla­sor­ch­ester. Die Nach­frage nach Spezial­is­ten, die das Medi­um Bla­sor­ch­ester und sein Reper­toire ken­nen, wird im Musikschul­bere­ich und auf Vere­in­sebene steigen. Auf­grund des verk­nappten Arbeits­mark­tes im Orch­ester­bere­ich, aber auch der Prax­is viel­er Musikschulen, Lehrkräfte auf Hon­o­rar­ba­sis einzustellen, sind Musik­studierende gut berat­en, sich nach Ergänzun­gen zum Kern­studi­um umzuse­hen. Bla­sor­ch­es­ter­di­rek­tion als Zusatz­fach oder Zweit­studi­um kann da eine sehr gute und kün­st­lerisch dur­chaus befriedi­gende Wahl sein.