Haydn, Joseph

Berühmte Streichquartette

Streichquartette d-Moll op. 76 Nr. 2, C-Dur op. 76 Nr. 3, B-Dur op. 76 Nr. 4

Rubrik: CDs
Verlag/Label: NCA 60148-210
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 90

Bei der Ein­spielung klas­sis­ch­er Musik ste­ht das Gewand­haus-Quar­tett stets für hohe Qual­ität. Wer erin­nert sich nicht gerne an die preis­gekrön­ten Inter­pre­ta­tio­nen der Stre­ichquar­tette Beethovens durch die Leipziger Musik­er, in denen drama­tis­ch­er Impe­tus und Schärfe, Humor, Lei­den­schaft sowie groß angelegte Kantabil­ität genial ver­woben sind? Gute Voraus­set­zun­gen also für die Neuein­spielung von drei der berühmtesten Stre­ichquar­tette von Joseph Haydn aus dessen Opus 76, des „Quin­ten­quar­tetts“ (76/2), des „Kaiserquar­tetts“ (76/3) und des Quar­tetts „Der Son­nenauf­gang“ (76/4).
Doch vielle­icht ist die Mess­lat­te damit auch zu hoch gelegt. Zwar musizieren die wun­der­bar aufeinan­der einges­timmten Stre­ich­er Frank-Michael Erben, Con­rad Suske, Volk­er Metz und Jürn­jakob Timm auf gewohnt aller­höch­stem Niveau. Sie atmen die Phrasen sehr gesan­glich mit, eruieren neue Klänge, die in der Musik ver­bor­gen sind, suchen und find­en den musikalis­chen Witz, den Haydn immer wieder in seine Musik kom­poniert hat, und gestal­ten die plöt­zlich her­vortre­tenden musikalis­chen Erup­tio­nen vir­tu­os. Und doch, im Ver­gle­ich zu den Beethoven-Ein­spielun­gen fehlen der aller­let­zte Biss, die aller­let­zte Kon­se­quenz und möglicher­weise auch der Wage­mut, vielle­icht bis­lang „Uner­hörtes“ zu Tage zu fördern. Doch wie erwäh­nt: All dies find­et auf aller­höch­stem Niveau statt und die Inter­pre­ta­tio­nen klin­gen wun­der­schön – vielle­icht zu wun­der­schön?
So gibt es eigentlich gar nichts zu bekrit­teln, wenn da nicht eben jene Ref­eren­za­uf­nah­men der Beethoven-Stre­ichquar­tette im Ohr hän­gen geblieben wären. Im Ver­gle­ich dazu wirken die Haydn-Auf­nah­men zurückgenom­men, etwas ver­hal­ten, fast etwas zu ehrfürchtig. Und damit ist eigentlich bere­its alles gesagt. Denn über Spiel­tech­nik und Artiku­la­tions­form braucht man keine Worte ver­lieren, wenn man die Beethoven-Ein­spielun­gen ken­nt. Daran hat sich grund­sät­zlich nichts geän­dert.
Es gibt Momente, da möchte man her­aus­ra­gende Ref­eren­za­uf­nah­men fast ver­fluchen. Dies ist ein der­ar­tiger Moment, denn anson­sten kön­nte man ganz unbeküm­mert von ein­er Spitzenauf­nahme der drei Haydn-Stre­ichquar­tette bericht­en. Wie auch immer, diese Auf­nahme sollte in kein­er CD-Samm­lung von Lieb­habern der Stre­ichquar­tett-Lit­er­atur und der Musik Joseph Haydns fehlen. Denn bessere gibt es eigentlich nicht.
Kle­mens Fiebach