Blum, Dieter

Berliner Philharmoniker

hg. von Jürgen Dormann und Wolfgang Behnken

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Braus, Heidelberg 2007
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 74

Zum 125. Geburt­stag der Berlin­er Phil­har­moniker wer­den dem Pub­likum zahlre­iche Wege eröffnet, auf denen es das welt­bekan­nte Orch­ester näher ken­nen ler­nen kann. Also, wie hät­ten Sie’s gern: hörend, Bilder betra­ch­t­end oder lesend? In den drei Veröf­fentlichun­gen sind die Wege im Prinzip gle­ichar­tig ange­ord­net, näm­lich auf der Zeitachse. Und als Wegze­ichen dienen diesel­ben Größen: die Diri­gen­ten.
Die Berlin­er Phil­har­moniker sind ein typ­is­ches Kind des 19. Jahrhun­derts. Das Orch­ester ver­stand sich als eine eigen­ver­ant­wortliche Musik­ervere­ini­gung, die ihre Kun­st den Bürg­ern anbi­eten wollte. Von Anfang an zeigten sich bürg­er­lich­es Selb­st- und Leis­tungs­be­wusst­sein und die Grün­dung erwuchs sog­ar aus einem Akt des Wider­stands.
Früh­jahr 1882: Als Ben­jamin Bilse den Mit­gliedern sein­er Kapelle für eine Konz­ertreise nach Warschau neben einem ohne­hin schon mageren Hon­o­rar nur eine Bah­n­fahrt viert­er Klasse spendieren will, ist für 54 sein­er Musik­er der Moment gekom­men, sich als „Vor­ma­lige Bilsesche Kapelle“ selb­st­ständig zu machen. Doch das junge Ensem­ble hat anfangs noch mit wirtschaftlichen Prob­le­men zu kämpfen. Erst als 1887 der Berlin­er Konz­erta­gent Her­mann Wolff die Organ­i­sa­tion übern­immt, wird ein sta­biles Fun­da­ment für die Zukun­ft geschaf­fen. Wolff arbeit­ete schon seit der Grün­dung mit dem Orch­ester zusam­men: Er hat­te eine umge­baute Rollschuh­bahn zur ersten „Phil­har­monie“ gemacht und angeregt, den Namen der Gruppe in „Phil­har­monis­ches Orch­ester“ zu ändern. Nun besorgt er den Musik­ern auch den besten Diri­gen­ten ihrer Zeit.
Das war Hans von Bülow. Das Orch­ester begann sich dank sein­er gesteigerten Probe­nar­beit zu pro­fil­ieren. Die Musik­er wuch­sen zusam­men und Bülow ver­wan­delte das Handw­erk Dirigieren – nicht zulet­zt wegen sein­er freien Behand­lung der Par­ti­turen – ins Kunst­werk Dirigieren. Auf die Ära Bülow fol­gten von 1895 bis 1945 die von Arthur Nikisch und Wil­helm Furtwän­gler. Von 1945 bis 1955 arbeit­ete das Orch­ester mit Leo Bor­chard, Sergiu Celi­bidache und noch ein­mal Furtwän­gler. Von 1955 bis 1989 erstreck­te sich das autokratis­che Kun­st- und Medi­en-Regime Her­bert von Kara­jans. 13 Jahre Kun­st-Demokratie erlebte das Orch­ester unter der Leitung von Abba­do, der sich dem Orch­ester mit „io sono Clau­dio“ vorstellte, das klas­sis­che und roman­tis­che Reper­toire weit­er pflegte, aber ein bish­er nicht gekan­ntes Gewicht auf die klas­sis­che Mod­erne und die Avant­garde legte. Seit 2002 heißt der Chefdiri­gent Sir Simon (Rat­tle). Sein zeit­gemäßer Adel­sti­tel lautet: Kom­mu­nika­tor. Seine Ori­en­tierung: raus aus dem Elfen­bein­turm. Als überzeu­gen­des Tanz- und Musik­ex­per­i­ment im Rah­men des Edu­ca­tion-Pro­jek­ts der Berlin­er Phil­har­moniker wurde Rhythm is it! (Straw­in­skys Sacre du Print­emps mit 200 Schulkindern aus vie­len Natio­nen) mit­tler­weile als Film auch einem inter­na­tionalen Pub­likum bekan­nt.
Wie bei der Lebens­geschichte eines Orch­esters nicht anders zu erwarten, trifft man als Leser und Hör­er in den drei Veröf­fentlichun­gen über weite Streck­en auf diesel­ben Fak­ten und Anek­doten, wie sie in Lebenserin­nerun­gen, Briefen, Rezen­sio­nen und Artikeln aus Zeitun­gen und amtlichen Doku­menten auf­be­wahrt sind. Her­bert Haffn­er, Kul­tur­jour­nal­ist und Ver­fass­er ein­er gerühmten Furtwän­gler-Biografie (2003), hat aus dem reichen Mate­r­i­al eine sehr reiche Orch­ester­bi­ografie ver­fer­tigt. Sou­verän geschrieben und – dank fein­er Ironie – immer auf Dis­tanz zum Pathos bedacht, bietet sie dem Leser eine im besten Wortsinn kri­tis­che Darstel­lung ein­er Musikin­sti­tu­tion als Teil­stück ein­er Gesellschaft, die der Kun­st und den Kün­stlern auf­schlussre­iche Rollen und Funk­tio­nen zuweist bzw. akzep­tiert. Sehr empfehlenswert.
Das Hör­buch mit dem Titel Die Orch­ester­re­pub­lik hat zwei Teile: 1. Von der Kapelle zum Orch­ester und 2. Von Ruhm zu Wel­truhm. Es wird erzählt und zitiert sowie durch so genan­nte Orch­ester­noti­zen – aus dem Munde von Phil­har­monikern – erweit­ert, die das Innen­leben der Orch­esters beleucht­en: Proben, Reisen, Instru­mente, Auf­führun­gen. Das Wort dominiert, Musik­beispiele gibt es nur wenige, aber dafür rare. Die Gestal­tung mutet immer dann ein biss­chen bieder an, wenn Sire­nenge­heul bei Kriegsaus­bruch ertönt oder Schreib­maschi­nengeklap­per bei Briefz­i­tat­en mitläuft. Auch stören einige falsch aus­ge­sproch­ene Kom­pon­is­ten­na­men. Den­noch – der Hör­er bekommt sehr viel Stoff und außer­dem dieses gewisse Etwas durch Authen­tiz­ität geboten. Eben­falls sehr empfehlenswert.
Das gilt schließlich auch in hohem Maße für das opu­lente, schöne Bilder-Buch des Fotografen Dieter Blum, der sich seit 25 Jahren dem The­men­quar­tett Musik, Tanz, Kün­stler und Mod­ell wid­met. Große sug­ges­tive Klang­bilder von Per­so­n­en, Räu­men, Instru­menten, Stim­mungen ver­bun­den mit gut geschriebe­nen, infor­ma­tiv­en Tex­ten und gehaltvollen Inter­views ziehen den Betra­chter in einen ganz eige­nen Kos­mos: den der Berlin­er Phil­har­moniker, der bedeu­ten­den Orch­ester­re­pub­lik.
Kirsten Lindenau