Berlioz, Hector

Benvenuto Cellini

Weimarer Fassung. Oper in drei Akten op. 23

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classics 93.105, 2 CD
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 78

Der „Stuttgarter Sound“ des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart des SWR, ohne Vibra­to und mit möglichst authen­tis­chen Phrasierun­gen, ist zu einem Marken­ze­ichen der Arbeit Roger Nor­ring­tons gewor­den. 1988 hat­te der englis­che Diri­gent für Auf­se­hen gesorgt mit ein­er rev­o­lu­tionären Ein­spielung der Sym­phonie fan­tas­tique und kehrt nun qua­si zu den Anfän­gen sein­er Beschäf­ti­gung mit der Musik der franzö­sis­chen Roman­tik zurück. Bei Hänssler Clas­sics ist der klan­glich ins­ge­samt überzeu­gende Mitschnitt aus dem Berlin­er Konz­erthaus von Berlioz’ erster Oper Ben­venu­to Celli­ni erschienen. Nor­ring­ton stellt die Weimar­er Fas­sung von 1852 zur Diskus­sion. Er und seine unge­mein präzisen Stuttgarter bleiben der Geschichte vom genialis­chen Kün­stler und Totschläger Celli­ni kaum etwas an tech­nis­ch­er Bril­lanz und musikalis­ch­er Durch­dringung schuldig, und doch wirkt die Oper in Nor­ring­tons Lesart beson­ders im ersten Akt etwas dis­tanziert-unterkühlt. Mag man bei den Stuttgartern manche Details dank des vibra­tolosen Spiels deut­lich­er als gewohnt hören, die Ref­eren­za­uf­nahme von Col­in Davis (Philips) hat ihnen oft den beherzteren musik­drama­tis­chen Zugriff voraus. Zu großer Form laufen Nor­ring­ton und seine Musik­er aber im Karnevals-Akt auf, der pack­end zuge­spitzt und unge­mein frisch daherkommt. Nicht nur an Orch­ester stellt Ben­venu­to Celli­ni hohe Anforderun­gen, auch die für Solis­ten und Chor stellen hohe Hür­den dar.
Schein­bar ohne Mühe kann der Chor des Mit­teldeutschen Rund­funks, für dessen Ein­studierung Howard Arman ver­ant­wortlich zeich­net, diese bewälti­gen. Flex­i­bel und wenn nötig mit beachtlich­er Durch­schlagskraft ist es ein Vergnü­gen ihm zuzuhören. Trotz ein­er ins­ge­samt aus­ge­wo­ge­nen Sängerbe­set­zung lassen die Solis­ten da schon mehr Fra­gen offen. Die eben­so held­is­che wie lyrische Anla­gen fordernde hohe Tenor­par­tie des Celli­ni singt bei Nor­ring­ton der mit der Musik der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts bestens ver­traute Bruce Ford. Er ist ein auf­brausend-hitzköp­figer Celli­ni, eine rol­len­typ­isch dur­chaus ansprechende Verkör­pe­rung des Rauf­bolds, Frauen­helds, Totschlägers und genialis­chen Renais­sancekün­stlers. Trotz aller Beweglichkeit seines Tenors ist er aber auch infolge sein­er nicht immer freien Höhe einem Stilis­ten wie Nico­lai Ged­da bei Davis unter­legen. Lau­ra Clay­comb als seine Geliebte Tere­sa singt ansprechend. Sich­er, aber etwas unterkühlt gibt Mon­i­ca Groop den Ascanio. Franz Hawla­ta singt Tere­sas Vater mit gele­gentlich etwas rauer Bas­sautorität, Christo­pher Malt­mann überzeugt als Fier­amosca, eben­so sind die weit­eren Rollen auf guten Niveau beset­zt.
Wal­ter Schneckenburger