Wagner, Richard

Ben Heppner singt Wagner

Excerpts from "The Ring of the Nibelung"

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Deutsche Grammophon 00289 477 6003
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 94

Neue Stu­dio­pro­duk­tio­nen von Richard Wag­n­ers Der Ring des Nibelun­gen sind in Anbe­tra­cht der hor­ren­den Koste­nen­twick­lung solch­er Pro­jek­te kaum noch zu erwarten. Da ist eine Ein­spielung mit dem Helden­tenor Ben Hep­p­n­er mit Ring-Auszü­gen, der sich zen­tralen Szenen Sieg­munds aus der Walküre sowie denen Siegfrieds aus Siegfried und der Göt­ter­däm­merung wid­met, zumin­d­est ein Teil­er­satz. Aus der „Tetralo­gie“ sozusagen eine Vater-Sohn-Geschichte her­auszud­es­til­lieren, hat musikalisch eben­so wie dra­matur­gisch dur­chaus seinen Reiz.
Hep­p­n­er, der seit den 1990er Jahren zu den wichtig­sten Wag­n­er-Tenören sein­er Gen­er­a­tion gehört, hat bis­lang wed­er Sieg­mund noch einen der Siegfriede kom­plett auf der Bühne verkör­pert. Dafür hat der viel­seit­ige kanadis­che Tenor, der inzwis­chen auch eine kurze Stimmkrise erfol­gre­ich über­wun­den hat, neben Stolz­ing, Lohen­grin und Erik auch den Tris­tan schon live gesun­gen. Hep­p­n­ers in allen Reg­is­tern aus­geglich­en­er Tenor ver­fügt über genü­gend Strahlkraft für die Aus­brüche der „Schmiedelieder“ aus dem Siegfried, ohne von sein­er Charak­ter­is­tik mit den schw­eren Helden­tenören der Ver­gan­gen­heit ver­glichen wer­den zu kön­nen. Den­noch hat er genü­gend Met­all in der Höhe und Kraft in der far­ben­re­ichen Mit­tel­lage, um Wag­n­ers Pro­tag­o­nis­ten bei dieser Auf­nahme überzeu­gende Gestalt zu ver­lei­hen.
Über die Emphase eines Siegfried Jerusalem, dessen Schmiedelieder nun aus Bayreuth auf DVD (Warn­er 256462320–2) erschienen sind, ver­fügt er indes nicht; Hep­p­n­er ist in dieser Par­tie eher mit Wolf­gang Windgassen zu ver­gle­ichen. Beachtlich ist seine klare Dekla­ma­tion, die Textver­ständlichkeit, die aber nie zum Sprechge­sang tendiert. Hep­p­n­er ist sich zudem mit Peter Schnei­der am Pult der Staatskapelle Dres­den in Fra­gen der eher zurückgenomme­nen Tem­pi einig. Dank der beacht­enswerten Legatofähigkeit­en des Kanadiers, der auch bei Strauss und Wag­n­er eben­so wie im drama­tis­chen franzö­sis­chen Tenor­fach – der Äneas aus den Troy­an­ern von Berlioz gehört zu seinen Glanz­par­tien – überzeu­gen kann, ist sein Wag­n­er-Gesang fast von belka­n­tis­tis­ch­er Qual­ität. Zugle­ich wird bei ihm die Verzwei­flung Sieg­munds greif­bar, die ihn auf der Suche nach der Waffe überkommt, die ihm sein Vater Wotan einst ver­hieß. Eben­so ver­lei­ht der Tenor seinem Liebesüber­schwang in der zarten Lyrik von „Win­ter­stürme wichen dem Won­nemond“ wie der Beina­he-Ekstase in „Sieg­mund heiß ich“ Gestalt.
Vom Vater Sieg­mund zum Sohn Siegfried ist es stimm­lich zwar ein beachtlich­er Weg, Hep­p­n­er meis­tert ihn aber ohne hör­bare Prob­leme. Bei den „Schmiedeliedern“ überzeugt nicht allein die Wucht, son­dern die genaue Artiku­la­tion, wobei ihm Burkhard Ulrich als Mime ein zuver­läs­siger Part­ner ist. Der Schmelz für die Wald­vo­gel­szene ste­ht ihm eben­so zu Gebote wie er auch die fast panis­che Furcht gestal­tet, die die Über­raschung aus­löst, dass Brünnhilde kein Mann ist. Einzig bei „Brünnhilde, Heilige Braut“ klingt die Stimme etwas ver­schleiert.
Für sein Recital hat Hep­p­n­er mit Peter Schnei­der, der in diesem Jahr in Bayreuth Tris­tan und Isol­de als Nach­fol­ger des glück­losen Eiji Oue erfol­gre­ich über­nom­men hat, und der „Dres­d­ner Wun­der­harfe“ adäquate Part­ner. Schnei­der zeich­net in den Tenorszenen, aber auch in „Siegfrieds Rhe­in­fahrt“ und dem „Trauer­marsch“ aus der Göt­ter­däm­merung ein eher auf Mis­chk­lang denn glasklare Analyse aus­gelegtes Wag­ner­bild. Die Tem­pi sind zumeist bre­it, aber nie span­nungsarm gehal­ten. Der weiche Stre­icher­glanz des Dres­d­ner Spitzenorch­esters wird zudem von der Auf­nah­me­tech­nik eben­so wie die sehr guten solis­tis­chen Holzbläs­er gut einge­fan­gen. Schnei­der lässt das sat­te Blech der Dres­d­ner wuchtig, aber nie vul­gär-vorder­gründig auf­spie­len. Wo nötig, gibt Schnei­der seinen Instru­men­tal­is­ten zudem genü­gend Freiraum, dass sich Orch­ester­pracht ent­fal­ten kann. Eine gediegene Wag­n­er­sicht, die in Verbindung mit der her­vor­ra­gen­den Tenor­leis­tung über 70 Minuten für pures Hörvergnü­gen sorgt.
Wal­ter Schneckenburger