Georgy Vasilievich Sviridov

Beethoven Trio Bonn

Mikhail Ovrutsky (Violine), Grigiry Alumyan (Violoncello), Jinsang Lee (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Avi-music
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 72

Der rus­sis­che Kom­pon­ist Geor­gy Sviri­dov (1915–1998) ist in Wes­teu­ropa, wenn über­haupt, vor allem als Schöpfer von Vokalw­erken bekan­nt, von denen auch einige Ein­spielun­gen vor­liegen. Zu den Sängern, die sich für sein Schaf­fen ein­set­zten, zählt etwa der jüngst ver­stor­bene Bari­ton Dmitri Hvoros­tovsky. Mit Instru­men­tal­musik ist Sviri­dov jedoch weniger in Erschei­n­ung getreten, und so kommt die vor­liegende CD mit dem Beethoven Trio Bonn ger­ade recht, sich mit der Ton­sprache dieses Kom­pon­is­ten ein­mal näher auseinan­derzuset­zen.
Sviri­dov war Schüler Schostakow­itschs, bei dem er in Leningrad studierte und dessen Stil ihn deut­lich in den Werken sein­er frühen Schaf­fenspe­ri­ode bee­in­flusste. Um rel­a­tiv frühe Werke han­delt es sich denn auch bei den einge­spiel­ten Kom­po­si­tio­nen; Sviri­dov schrieb sowohl das Klavier­trio als auch das Klavierquin­tett als Dreißigjähriger im Jahr 1945. Für das Klavier­trio erhielt er 1946 den Stal­in-Preis. Deut­lich fol­gt er in dieser Kom­po­si­tion dem Muster des 2. Klavier­trios seines Lehrers Schostakow­itsch: Auf einen lyrischen, mit drama­tis­chen Zwis­chen­tö­nen verse­henen Kopf­satz fol­gt ein robustes Scher­zo, sodann eine langsame Pas­sacaglia. Beim Finale han­delt es sich zwar nicht, wie bei Schostakow­itsch, um eine Danse macabre, son­dern um ein Idyll, doch die Stim­mung ist trotz­dem eher melan­cholisch, und gegen Ende schließt das Mot­tothe­ma des Werks, das auch im ersten und drit­ten Satz erk­lun­gen war, den for­malen Bogen.
Trotz aller Ähn­lichkeit­en zum Werk seines Lehrers in der For­mgestal­tung und auch in der eher gedämpften Stim­mung spricht Sviri­dov in diesem Werk doch seine eigene Sprache: weniger sarkastisch, lyrisch­er, auch gesan­glich­er und eingängiger; Sviri­dovs weit­ere Lauf­bahn als Vokalkom­pon­ist zeich­net sich bere­its ab. Das Beethoven Trio Bonn legt hier eine Ref­eren­za­uf­nahme vor, denn überzeu­gen­der lässt sich die emo­tionale Ambivalenz zwis­chen Lyrik und Tragik nicht darstellen – und auch nicht die spez­i­fisch rus­sis­che Tönung in der Melodik des Werks; zwei der Mit­glieder des Trios sind rus­sis­ch­er Herkun­ft.
Im Fall des Klavierquin­tetts leg­en die Musik­er eine Erstein­spielung vor, ver­stärkt durch den Geiger Artur Cher­monov und den Bratsch­er Vladimir Babeshko. Das Werk ähnelt dem Klavier­trio im for­malen Auf­bau, gibt sich allerd­ings – der größeren Beset­zung entsprechend – robuster und wirkt, obwohl gle­ich lang wie das Trio, expan­siv­er. Aber auch nach einem beina­he gewalt­täti­gen Höhep­unkt kurz vor Ende des Vari­a­tio­nen-Finales bevorzugt Sviri­dov eine beruhigte, dunkel-melan­cholis­che Schlussgestal­tung.
Als Zugabe bietet diese run­dum gelun­gene CD eines der in Rus­s­land beliebtesten Stücke Sviri­dovs: die Romanze aus sein­er Musik zu dem Film Der Schneesturm nach Puschkin – arrang­iert für Klavier­trio von Mikhail Ovrut­sky. Mag diese Musik für west­liche Ohren auch etwas sen­ti­men­tal klin­gen, so lädt die Melodie, bei passender Stim­mung, regel­recht zum Mitsin­gen ein – ein Beweis für Sviri­dovs Qual­itäten auf dem Gebi­et der Vokalmusik.
Thomas Schulz