Widmann, Jörg

Bayerisch-Babylonischer Marsch

für 8 Klarinetten und Klavier, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2015
erschienen in: das Orchester 12/2015 , Seite 76

Wofür es 2012 in der ins­ge­samt höchst begeis­terten Opernurauffüh­rungs­kritik zu Jörg Wid­manns Baby­lon in der Süd­deutschen Zeitung angesichts der Ein­bringung des Bay­erischen Defil­ier­marsches und von „Hupf-auf-Frag­menten“ Seit­en­hiebe gab, dies ist in der vor­liegen­den Wid­mann-Kom­po­si­tion (2014) zum Essen­ziellen gewor­den: Bay­erisch-Baby­lonis­ch­er Marsch macht die eventuelle Absicht dieses bekritel­ten Opern-Ein­trä­gleins zur Wirkung­shaupt­sache. Das Kopfthe­ma des zum „Franz-Josef-Strauß-etc.-Auftritts-Ohrwurm“ mutierten Defil­ier­marsches endet statt des maskulin abge­hen­den Dur-Sig­nals im Orig­i­nal schon vorzeit­ig mit der Ent­man­nung inmit­ten des zweit­en Tak­ts durch plöt­zliche Abkaden­zierung, und dies über­aus genüsslich über fast alle diese Zitate hin­weg in diesem höchst witzi­gen Stück.
In sein­er Karl­sruher Rede (siehe YouTube!) arbeit­et Wid­mann vari­anten­re­ich samt Klavierk­lang­beispie­len die Wichtigkeit des Kon­texts musikalis­ch­er Ein­heit­en, The­men, Ideen, Ganzheit­en her­aus, wie diese eben zusam­menge­fügt, weit­erge­führt, gebrochen, ideen­ver­bun­den usw. wer­den. Der Bay­erisch-Baby­lonis­che Marsch eröffnet tre­f­fend dem Musik­er wie dem Hör­er, was damit gemeint ist: musikalis­che Ver­läufe, Ganzheit­en unter­schiedlichen Anspruchs inter­es­sant stim­mig weit­erzuführen, doch ent­ge­gen aus­ge­spurter Erwartung. Dieser Marsch voller Uner­warteth­eit­en ist nicht so konzip­iert, dass es einen bay­erischen und einen baby­lonis­chen Teil gäbe. Nein, mit­tels bay­erisch zuge­wandter oder son­st vir­tu­os geprägter Melod­ie­ganzheit­en wird qua­si das baby­lonis­che Sprachengewirr hingeschüt­tet. Die Ele­mente sind eher bay­erisch, der Zusam­men­bau ergibt Baby­lonis­ches. Und dies geschieht durch Tak­twech­sel, oft kurze, samt Wech­sel des Grund­schlags, z.B. von Marschvier­tel- zu unger­aden Achtel-Tak­ten; durch langsam bzw. rasch überge­hen­des oder über­gangslos­es Tem­po-Tauschen ein­schließlich Walz­er-Stolper­er, ein­mal gekrönt mit ein­er Art Gen­er­al­pause, die den Hören­den erst klar wer­den lassen muss, dass es in der zunächst musikzuge­hören­den Stille zu ein­er fast men­schlich-erwartungsneu­ro­tis­chen „Wer-macht-weiter?“-Spannung kommt. Der sich entsprechend auf­bauende Pein­lichkeit­szu­s­tand wird jäh been­det durch ein mini-schreck-erzeu­gen­des Klavierdeck­el-Zuschla­gen, das nach kurz­er Ab­ebb­phase sich in die Frei­heit des Weit­er­spiels im vorher hochge­fahre­nen Tem­po löst bzw. öffnet. Wid­mann-like ist diese Pause mit ewig über­schrieben und mit aus­führlichen Ver­hal­tensangaben für die Inter­pre­ten erläutert.
Die akustis­che Ver­wirk­lichung dieses Werks dürfte außer­halb gut bestück­ter Orch­ester nicht so ein­fach sein: Es-, B-, A- und Bassklar­inet­ten sind schon oft nicht ohne Weit­eres auf einen exzel­len­ten Haufen zu kriegen; aber auch noch eine Kon­tra­bassklar­inette…! Der Reiz dieses Werks ist jedoch so bestechend, dass ein „Annäherungs-Ver­mei­dungs-Kon­flikt“ bei der Ein­pla­nung über­wun­den wer­den sollte; sog­ar mit­tels ein­er hochen­twick­el­ten Musikschul-Klar­inet­ten­fach­schaft, der der Zugriff auf dieses läng­ste Klar­inet­ten­rohr ver­wehrt ist, und die statt dessen sich frecher­weise mit einem tiefen Ersatzin­stru­ment behil­ft. Wid­mann mag’s verzei­hen; die Schön­heit dieser Kom­po­si­tion verkraftete auch einen solchen Not-Teil­er­satz.
Max­i­m­il­ian Schnur­rer