Werke von Pēteris Vasks, Julius Juzeliūas und Anatolijus Šenderovas

Baltic Concerti

Džeraldas Bidva (Violine), Karolina Juodelytė (Orgel), Lithuanian Chamber Orchestra, Ltg. Modestas Pitrėnas/ Adrija Čepaitė

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Odradek
erschienen in: das Orchester 09/2019 , Seite 66

Dass der Konz­ert­meis­ter des Litauis­chen Kam­merorch­esters, Džer­al­das Bid­va, in seinem Geleit­wort den Ver­lust der „jew­eils nationalen Eige­nart der Musik“ beklagt, erscheint ver­ständlich­er, wenn man weiß, dass die Ver­schlep­pung ganz­er Bevölkerung­steile zur Stal­in-Zeit und die gezielte Zuwan­derung aus Rus­s­land die baltischen Völk­er an den Exis­ten­zrand brachte. Heute eli­m­iniert die Glob­al­isierung die „Lokaltöne“. Junge Kom­pon­is­ten, die ihre Grund­fer­tigkeit­en in Riga, Vil­nius oder Tallinn erwer­ben, ziehen nest­flüchtig west­wärts: nach Berlin, Wien, Paris, Lon­don, an die Elite­in­sti­tute der USA.

Das kul­turelle Erbe des eige­nen Lan­des und sein­er Kün­stler zu bewahren und „auf transna­tionaler Ebene“ hör­bar zu machen: dieser Wun­sch bewegte den Vio­lin­vir­tu­osen, der neben dem Litauis­chen Kam­merorch­ester auch die Kre­mer­a­ta Balti­ca leit­et, zum 100. Jahrestag der (nach dem Ersten Weltkrieg wieder­erlangten, 1940–1990 aber­mals ver­lore­nen) Unab­hängigkeit Litauens die Baltic Con­cer­ti auf CD her­auszubrin­gen. Die Edi­tion sei ein Zeug­nis tiefer Ver­bun­den­heit mit seinem Heimat­land und seinen Men­schen. Sie spiegele den Geist der gesamten Ost­seere­gion. Wobei die Musik Juzeliū­nas’ von litau­i­scher Folk­lore inspiri­ert und die Werke Vasks’ von tiefer Naturver­bun­den­heit durch­drun­gen seien, während die Tonkun­st Šen­derovas’ drama­tis­che Ereignisse der tur­bu­len­ten Geschichte Litauens spiegele.

Von den drei sorgsam aufgenomme­nen und pro­duzierten Vio­linkonz­erten dieser Edi­tion berührt das Konz­ert für Vio­line und Stre­i­chorch­ester von Ana­toli­jus Šen­derovas am tief­sten und nach­haltig­sten. Der 1945 geborene Kom­pon­ist – ein­er der weni­gen Nachkom­men der während der nazideutschen Beset­zung liq­ui­dierten ostjüdis­chen Elite des dama­li­gen Wilna – beschwört in seinem durchkom­ponierten Konz­ert die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit. Ein durchge­hend ertö­nen­der Gong erzeugt eine sakrale Sphäre, zwis­chen­zeitlich ver­trieben von einem Geis­ter­tanz am Abgrund. Sug­ges­tive Kaden­zen und elegis­che Monologe der Solovi­o­line kon­trastieren zu orches­tralen Momenten tönen­der Inner­lichkeit, chang­ierend zwis­chen Auflehnung und Res­ig­na­tion, weher Erin­nerung und zager Hoff­nung.

Gegenüber der mehrschichti­gen Musik Šen­derovas’ wirkt die schwärmerische Fan­tasie Vox amor­is für Vio­line und Stre­ich­er (2009) von Pēteris Vasks eher eindi­men­sion­al. In ihr beken­nt sich der Lette emphatisch zur Liebe als stärk­ster Bindekraft des Lebens.

Zu Ehren der Vater­fig­ur litau­i­scher Kun­st­musik des 20. Jahrhun­derts, Julius Juzeliū­nas, rück­te Bid­va dessen Konz­ert für Orgel, Vio­line und Stre­i­chorch­ester (1963) in die Mitte des Pro­gramms. Aus Geset­zmäßigkeit­en litauis­ch­er Folk­lore ent­wickelte der Kom­pon­ist ein eigenes Har­moniesys­tem. Im übri­gen ist er ein Meis­ter poly­fon­er Tech­niken.

Unter den im Kopf genan­nten litauis­chen Diri­gen­ten gewin­nen die drei Werke Ref­erenz-Charak­ter. Nur der Book­let-Text kön­nte ergiebiger sein.

Lutz Lesle