Henze, Hans Werner

Ballett-Variationen / Concertino / Das Vokaltuch der Kammersängerin Rosa Silber / Kammerkonzert / Sinfonisches Zwischenspiel aus dem lyrischen Drama “Boulevard Solitude”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo 6663 2
erschienen in: das Orchester 01/2002 , Seite 83

Dies ist die dritte – und let­zte? – Folge der bei Wer­go erscheinen­den Rei­he mit frühen Orch­ester­w­erken Hans Wern­er Hen­zes. Beschäftigten sich die ersten bei­den CDs vor­wiegend mit Kom­po­si­tio­nen aus den fün­fziger und sechziger Jahren, so kehrt die jüng­ste Veröf­fentlichung zu den Anfän­gen von Hen­zes Œuvre zurück und präsen­tiert einige der ersten Ver­laut­barun­gen des jun­gen Kom­pon­is­ten auf dem Gebi­et der Orch­ester­musik und des Instrumentalkonzerts.

Erst­ma­lig auf Ton­träger erscheint beispiel­sweise Hen­zes offizielles opus 1, das Kam­merkonz­ert für Flöte, Klavier und Stre­ich­er von 1946. Und es ist ger­ade dieses 13-minütige Stück, das als die große Über­raschung der Ein­spielung gel­ten kann. Zwar hat Hen­ze hier noch nicht zu ein­er eige­nen Ton­sprache gefun­den – noch nicht ein­mal der für ihn später so wichtige Ein­fluss Straw­in­skys ist hier zu spüren. Doch beein­druckt die Innigkeit der melodis­chen Erfind­ung – vor allem im Mit­tel-satz – eben­so wie ihre Grif­figkeit. Die leicht melan­cholis­che Lyrik, die Hen­zes spätere Musik bis in die Gegen­wart hinein beherrschen sollte, erscheint hier bere­its vorgeprägt. Der junge Pianist Christo­pher Tain­ton ver­mag in diesem gelun­genen Gesel­len­stück eben­so zu überzeu­gen wie im ein Jahr später ent­stande­nen Con­certi­no. Die spiel­musikhafte Motorik dieser Kom­po­si­tion find­et sich in Hen­zes reifen Werken kaum je wieder, scheint sein­er kün­st­lerischen Per­sön­lichkeit eher zu widersprechen.

In den bei­den vom Bal­lett inspiri­erten Werken – den Bal­lett-Vari­a­tio­nen von 1949 und Rosa Sil­ber von 1950 – find­et dann Hen­zes tiefe Liebe zur Musik Igor Straw­in­skys ihren Aus­druck. Zur Kom­po­si­tion der Vari­a­tio­nen wurde Hen­ze durch den Besuch eines Gast­spiels des Sadler’s Wells-Bal­letts inspiri­ert, bei dem Chore­ografien von Fred­er­ic Ash­ton zu Straw­in­skys Scènes de Bal­let und César Francks Vari­a­tions Sym­phoniques gezeigt wur­den. Ele­mente dieser bei­den Werke find­en sich in Hen­zes Musik wieder – bis hin zu dem von Franck entlehn­ten Part für Soloklavier. Peter Ruz­ic­ka und das NDR Sin­fonieorch­ester spie­len in bei­den Fällen die rev­i­dierten Ver­sio­nen, die Hen­ze in den neun­ziger Jahren anfer­tigte. Im Falle der Bal­lett-Vari­a­tio­nen han­delt es sich gar um eine „Neuschrift“; es wäre inter­es­sant, sie ein­mal mit der ursprünglichen Fas­sung ver­gle­ichen zu können.

In den vier Zwis­chen­spie­len aus der Oper Boule­vard Soli­tude tritt Hen­ze dann als aus­gereifter Kom­pon­ist vor uns – obwohl er selb­st im Inter­view sagt: „nicht ganz“. Doch seine unver­wech­sel­bare kün­st­lerische Phys­iog­nomie ist bere­its in den ersten Tak­ten hör- und spür­bar. Ruz­ic­ka bietet eine betont drama­tis­che, sehr span­nungs­ge­ladene Inter­pre­ta­tion, die gle­ich­wohl den fatal­is­tis­chen Unter­ton der Musik nicht vernachlässigt.

So schön es ist, dass nun Hen­zes wichtig­ste orches­tralen Früh­w­erke greif­bar sind: Kön­nte man sich nun nicht auch seinen späteren Orch­esterkom­po­si­tio­nen zuwen­den? So vieles gibt es, was noch der Veröf­fentlichung auf CD har­rt: von Los Capri­chos bis zu den Sin­fonien Nr. 8 und 10.

Thomas Schulz