Berlinski, Herman

Avodat Shabbat

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.559430
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 82

Hier gibt es einen emi­gri­erten Kom­pon­is­ten und Organ­is­ten wiederzuent­deck­en: Her­man Berlin­s­ki (1910–2001). Geboren in Leipzig, studierte er Kom­po­si­tion bei Sigfrid Karg-Elert in sein­er Heimat­stadt und bei Nadia Boulanger in Paris, dort auch Klavier bei Alfred Cor­tot. Es war dann aber Olivi­er Mes­si­aen, der Berlin­s­ki ermutigte, seine jüdis­chen Wurzeln in ähn­lich­er Weise zur Grund­lage sein­er Musik zu machen, wie damals viele christliche Kom­pon­is­ten den gre­go­ri­an­is­chen Gesang. Später berief sich Berlin­s­ki auch auf Max Reger (die Leipziger Tra­di­tion!), um eine erkennbare ein­stim­mig modale Melodie litur­gis­ch­er Herkun­ft in chro­ma­tis­che Poly­fonie einzu­binden.
1941 emi­gri­erte Her­man Berlin­s­ki aus dem bere­its beset­zten Frankre­ich in die USA, machte sich dort einen Namen als Syn­a­gogenor­gan­ist, Chor­leit­er und nicht zulet­zt Kom­pon­ist. 1988 bestellte die Dres­d­ner Staat­sop­er sein Ora­to­ri­um Job zur Grund­stein­le­gung der Rekon­struk­tion der Haupt­sy­n­a­goge der Stadt, im Jahr 2000 wurde seine 12. Orgelsin­fonie Die zehn Gebote für Tenor, Bari­ton, zwei Trompe­ten, Erzäh­ler, Schlagzeug, Chor, Celes­ta und Orgel in der Leipziger Thomaskirche uraufge­führt, noch kurz vor seinem Tod 2001 ver­lieh ihm der deutsche Bun­de­spräsi­dent das Kom­man­deurskreuz des Ordens „Pour le mérite“.
Diese CD enthält mit Avo­dat Shab­bat (1963) nicht nur Berlin­skis Opus mag­num, son­dern über­haupt die musikgeschichtlich erst dritte Ver­to­nung eines Sab­bat-Gottes­di­en­stes für Kan­tor (Tenor), Soli, Chor und großes Orch­ester nach denen von Ernest Bloch und Dar­ius Mil­haud (Let­ztere erschien eben­falls bere­its in der ver­di­en­stvollen Rei­he „Milken Archive of Amer­i­can Jew­ish Music“ des Niedrig­preis-Labels Nax­os). Bloch und Mil­haud schrieben ihre Werke für den Sab­bat-Sam­stag, Berlin­s­ki dage­gen für den Vor­abend-Fre­itag und griff dabei stärk­er auf tra­di­tionelle aschke­na­sis­che Modi zurück. Das „L’kha Dodi“ zitiert sog­ar aus­nahm­sweise direkt eine sephardis­che Melodie. Die har­monis­che und for­male Raf­fi­nesse dieser Ver­to­nung in hebräis­ch­er und teil­weise englis­ch­er Sprache ver­hin­derte ihren Gebrauch in der Liturgie, bis auf die in amerikanis­chen Reform-Syn­a­gogen beliebt gewor­dene Abschluss-Hymne „Adon Olam“.
Der Kom­pon­ist war im Jahr 2000 noch bei den Auf­nah­men zu dieser CD in der bewährten Berlin­er Jesus-Chris­tus-Kirche anwe­send. Diri­gent Ger­ard Schwarz gelingt es, das fast mediter­rane Leucht­en der vio­lin­los durch­sichti­gen Par­ti­tur aus den Aus­führen­den zu holen. Vor allem das RSO Berlin gibt nicht nach in klangschön­er Klarheit, vom lyrischen Oboen­so­lo der Orch­esterein­leitung (der Werk­be­ginn erin­nert aus­gerech­net an Richard Strauss’ Oper Daphne!) bis zu den drama­tis­chen Tut­ti. Man höre nur die zahlre­ichen liebevoll und sub­til gestal­teten Bläser­soli – im 23. Psalm („The Lord is my shep­herd“) wird die Sopranistin Con­stance Hau­man gar nur von ein­er nicht weniger wun­der­baren Soloflöte (Silke Uhlig) begleit­et. Melodis­ch­er Charme blüht eben­so wie religiös­er Ernst und tänz­erische Rhyth­men. Die Nähe zu Leonard Bern­stein wird deut­lich, aber auch die absolute Eigen­ständigkeit Berlin­skis.
Eine nach­drück­liche Empfehlung also – und Neugi­er auf den großen Werkkat­a­log dieses Kom­pon­is­ten: Wie wäre es zum Beispiel mit sein­er Vio­lin­sonate Le Vio­lon de Cha­gall?
Ingo Hod­dick