Paskow, Viktor

Autopsie

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dittrich, Berlin 2010
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 65

Musik und Sprache habe ja vieles gemein­sam. Trifft man nicht den richti­gen Rhyth­mus, sorgt das schnell für schlechte Stim­mung, sowohl beim Pub­likum als auch beim Leser, die sich gelang­weilt abwen­den bzw. das Buch zur Seite leg­en. Dass man bei­de Ele­mente zu einem Roman kom­binieren kann, zeigt Vik­tor Paskow in Autop­sie. Das Buch erzählt die Geschichte des Klar­inet­tis­ten und Sax­o­fon­is­ten Char­lie, der sich in ein­er Amour fou zur rothaari­gen Ina befind­et. Auf mehreren Hand­lungs- und Zeit­ebe­nen entspin­nt sich eine Hand­lung, die Char­lie in den unter­schiedlich­sten Gemütsver­fas­sun­gen zeigt: von alko­holbe­d­ingter Verzwei­flung bis zur sex­uellen Ekstase. Ein Großteil des Buchs beste­ht aus ein­deuti­gen Schilderun­gen sex­ueller Hand­lung, die oft mit Meta­phern aus der musikalis­chen Welt kom­biniert wer­den. Ina und Char­lie lieben sich im Stil ein­er Jaz­zper­for­mance des Gitar­ris­ten John Scofield oder haben Sex wie ein Sin­fonieorch­ester. Sprach­lich mis­cht sich Feuil­leton­jar­gon mit Pornografie, was manch­mal doch arg schwül­stig und the­atralisch daher kommt („Ich will eure Solos trinken, sie auf mein­er Haut spüren, komm! … Als ich fer­tig war, legte ich mich neben sie … und mein Herz schlug prestis­si­mo.“).
Char­lie ver­liert als Musik­er seinen Ton auf der Klar­inette, find­et ihn aber durch Inas ero­tis­che Ausstrahlung wieder, was sie nicht davon abhält, ihn zu ver­lassen. Natür­lich versinkt der Kün­stler anschließend in exis­ten­ziellem Elend inklu­sive Alko­holmiss­brauch, Trost­suche bei anderen Frauen und weit­eren sex­uellen Auss­chwei­fun­gen, bevor ein Eifer­suchts­dra­ma mit gewalt­tätigem Ende den Roman zum Abschluss bringt. Große Dra­matik also, die generell etwas zu dick aufträgt und nicht wirk­lich erken­nen lässt, worum es in diesem Buch haupt­säch­lich geht. Die Hand­lung wirkt oft nur wie ein Rah­men für die Schilderun­gen sex­ueller Prak­tiken, die auch durch die Ver­wen­dung von musikalis­chen Fach­be­grif­f­en nicht davor bewahrt wer­den, knapp an der Pornografie vor­bei zu schram­men. Die Schilderung des verzweifel­ten Kün­stler­da­seins gerät klis­chee­haft. Stop­pel­bär­tig und kopf­schmerzge­plagt von der vorheri­gen Nacht, ver­sucht Char­lie sich in der Anfangsse­quenz durch ein kräftiges Früh­stück zu kuri­eren, erbricht sich anschließend und find­et nur Ruhe, indem er sich Schnap­sreste aus dem häus­lichen Vor­rat zu Gemüte führt. So stellt sich Lieschen Müller das Leben als Musik­er vor, aber muss man wirk­lich so der­maßen in Stereo­type versinken, um Gemüt­szustände darzustellen?
Allen kri­tis­chen Anmerkun­gen zum Trotz kann man dem Buch einen gewis­sen Unter­hal­tungswert nicht absprechen und die über­bor­dende Hand­lung sorgt immer wieder für Über­raschun­gen. Große Lit­er­atur – wie der Klap­pen­text ankündigt – ist das sicher­lich nicht, aber für einen spaßi­gen Lese­nach­mit­tag reicht es alle­mal, selb­st wenn man sich nur am Ein­fall­sre­ich­tum des Autors bezüglich Sex und Musik verbinden­der Meta­phern ergötzt.
Mar­tin Schmidt