Gülke, Peter

Auftakte – Nachspiele

Studien zur musikalischen Interpretation

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Metzler/Bärenreiter, Stuttgart/Kassel 2006
erschienen in: das Orchester 06/2007 , Seite 72

Peter Gülkes jüng­ster Band ver­sam­melt Essays und kleinere Schriften aus vier Jahrzehn­ten, die, von zwei Aus­nah­men abge­se­hen, bere­its pub­liziert wor­den sind, teils an entle­gen­er Stelle. Hinzu kom­men eigens für die Auf­tak­te ver­fasste Momen­tauf­nah­men. Im Kleinen wird hier gegen­wär­tig, was auch für die län­geren Stu­di­en gilt: Gülke ver­mag wie kaum ein ander­er den prak­tis­chen Zugang mit dem the­o­retis­chen Ansatz zu verbinden.
Obgle­ich stilis­tisch geschlif­f­en und elo­quent for­muliert, ist es nicht immer leicht, Gülkes anspruchsvollen Aus­führun­gen zu fol­gen. Doch wird die Mühe des Lesers reich belohnt. Musikhis­torische Reflex­ion, scharfe Analyse und lange prak­tis­che Erfahrung als Kapellmeis­ter mit der Staatskapelle sein­er Heimat­stadt Weimar und den Wup­per­taler Sin­fonikern vere­inen sich hier auf das Glück­lich­ste.
Fra­gen der Inter­pre­ta­tion geht Gülke minu­tiös am konkreten Beispiel etwa von Beethovens und Mozarts Sin­fonien nach. Ger­ade Gülke, der mit vie­len musikalis­chen Wassern Gewasch­ene, weiß um die „Defizite, Chan­cen und gemein­samen Zuständigkeit­en“, die die wis­senschaftliche Edi­tion und deren inter­pre­ta­torische Umset­zung mit sich bringt. Aus­drück­lich befür­wortet der Diri­gent und Musik­wis­senschaftler die philol­o­gis­che Kleinkrämerei.
Ob Klang und Musizier­stil, Tak­tschlag und musikalis­ch­er Atem, ob his­torische Auf­führung­sprax­is und Urtext oder bere­its 1966 geäußerte Gedanken zu ein­er The­o­rie der musikalis­chen Inter­pre­ta­tion – Gülke behält bei aller wis­senschaftlichen Genauigkeit immer auch die Real­isier­barkeit in Konz­ert­saal und Ton­stu­dio im Blick. Für jedes (auch ver­jährte) Werk gilt es, Inter­pre­ta­tion­s­möglichkeit­en aus einem „Kom­pro­miss von Stil­treue und Sin­ntreue“ her­auszufind­en. Let­ztlich muss jede Inter­pre­ta­tion von Rang abzie­len auf das „musikalis­che Ereig­nis von etwas Wohlver­bürgtem und Beglaubigtem, doch hier und jet­zt auch Neuem und Ein­ma­ligem“.
Auch den (ver­stor­be­nen) Kol­le­gen am Diri­gen­ten­pult gilt Gülkes Augen­merk. Den „Total­musik­er“ Mahler zeich­net er als kom­ponieren­den Inter­pre­ten, der die eige­nen Werke immer wieder aus­dün­nt und zus­pitzt, während er an Beethovens Neunter oder Schu­berts Drit­ter das Ungewöhn­liche durch Ein­griffe in die Par­ti­tur noch ver­stärkt. Neben Hans von Bülow und Toscani­ni, neben Furtwän­gler und Kara­jan würdigt Gülke den zumin­d­est im West­en fast vergesse­nen Her­mann Aben­droth, erin­nert an Eugen Jochum, Gün­ter Wand und Car­los Kleiber eben­so wie an Sergiu Celi­bidache.
Das Beste aber ste­ht in diesem Band am Schluss. Auf kle­in­stem Raum blitzt in einem hal­ben Hun­dert Miszellen Gülkes Gewitztheit immer wieder auf. Die im Ton per­sön­lich-ver­traut, auch anek­do­tisch-humor­voll gehal­te­nen Gedanken­split­ter speisen sich aus den Erin­nerun­gen eines bald 75-jähri­gen Musik­er­lebens. „Finales Sam­mel­suri­um“ nen­nt Gülke diese Momen­tauf­nah­men. Wir nen­nen sie schlicht, wie das Buch ins­ge­samt, einen Glücks­fall.
Jür­gen Gräßer