Nancarrow, Conlon

As fast as possible

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6733 2
erschienen in: das Orchester 11/2011 , Seite 77

In einem Inter­view von 1987 bekan­nte sich Con­lon Nan­car­row zu ein­er „ambiva­len­ten“ Hal­tung gegenüber Bear­beitun­gen sein­er Stud­ies for Play­er Piano für andere Instru­mente. Hätte er die Arrange­ments für ein bis vier nor­male Klaviere gehört, hätte er ihnen wahrschein­lich uneingeschränkt zuges­timmt und den Fortschritt der Spiel­tech­nik heutiger Inter­pre­ten begrüßt. Denn nicht zulet­zt wegen der Unzulänglichkeit dama­liger Instru­men­tal­is­ten hat­te der amerikanisch-mexikanis­che Kom­pon­ist in den 1940er Jahren das mech­a­nis­che Klavier gewählt.
Dem ste­hen die vor­liegen­den Auf­nah­men jedoch nicht nach. Auch hier wer­den die für Nan­car­row charak­ter­is­tis­chen kom­plizierten rhyth­mis­chen Vorgänge in teil­weise hohem Tem­po exakt real­isiert. Und auch wenn die perkus­siv-cem­baloar­tige Klang­farbe von dessen Play­er Pianos durch die län­geren Res­o­nanzen des Flügels erset­zt ist, wird der Orig­i­nalk­lang durch lock­eren Stac­ca­to-Anschlag fast erre­icht und wirkt doch etwas wärmer.
Für das gestiegene Inter­pre­ta­tions-Niveau bür­gen in erster Lin­ie Hele­na Bugal­lo, die auch die Mehrzahl der Stücke für men­schliche Hände ein­gerichtet hat, sowie Amy Williams – die bei­den hat­ten sich schon durch eine frühere CD (WER 6670 2) als Nan­car­row-Spezial­istin­nen emp­fohlen. Zwei weit­ere Pianistin­nen (Amy Brig­gs, Ingrid Karlen) treten bei Bedarf hinzu. Study No. 26 für vier Klaviere zu sieben Hän­den stellt mit ihren in gle­ichen Noten­werten fortschre­i­t­en­den Akko­r­den vor allem Koordina­tionsprobleme dar. Study No. 16 und 20, in denen Nan­car­row mit kom­plex­eren Rhyth­men arbeit­et, ver­lan­gen äußer­ste Präzi­sion und Trans­parenz der zeitlichen und tex­tu­ralen Vorgänge. Dass das Bugal­lo-Williams-Duo darüber hin­aus Study No. 32, deren vier Stim­men noch mit vier ver­schiede­nen Tem­pi aus­ges­tat­tet sind, meis­tert – was Nan­car­row für unmöglich hielt –, ver­di­ent höch­ste Anerken­nung. In Study No. 44 dage­gen, dem „Aleato­ry Canon“, nutzen die bei­den Pianistin­nen den ihnen hier erst- und ein­ma­lig zuge­s­tande­nen Inter­pre­ta­tion­sraum zu einem artikulierten, swingar­ti­gen Spiel, das dem auf Wieder­hol­un­gen aufge­baut­en Stück gut bekommt.
Jazz-Ein­flüsse und polyrhyth­mis­che Kom­p­lika­tio­nen wer­den auch schon in Nan­car­rows frühen Instru­men­tal­stück­en wie dem Septet und der Suite for Orches­tra (Let­ztere inter­pretiert vom WDR Sin­fonieorch­ester Köln unter der Leitung von Ste­fan Asbury) hör­bar – bei­de Stücke stam­men aus den 1940er Jahren. Auch die 1993 von Nan­car­rows Assis­ten­ten C. San­doval aus älteren Klavier­rollen tran­skri­bierten Three Move­ments for Cham­ber Orches­tra ver­weisen auf die Anfänge von Nan­car­rows Kom­ponieren, im 1. Satz sog­ar auf das bald wieder aufgegebene Schlagzeu­gorch­ester. Nur der 3. enthält mit seinen Trillern und Glis­san­di eine Vorah­nung der späteren Stud­ies for Play­er Piano. Im Con­cer­to for Pianola and Cham­ber Orches­tra dage­gen, das auf ein schon von Nan­car­row geplantes Konz­ert zurück­ge­ht, ent­facht Paul Ush­er, angere­ichert mit eige­nen Ideen, ein bril­lantes musikalis­ches Feuer­w­erk, an dem dank des vorzüglichen Pianola-Vir­tu­osen Rex Law­son und des mit Lust und Bravour spie­len­den Ensem­ble Mod­ern (Ltg. Kas­par de Roo) auch Nan­car­row Gefall­en gefun­den hätte.
Moni­ka Fürst-Heidtmann