Henze, Hans Werner

Aristaeus/Orpheus behind the Wire

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6680 2
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 97

Während manche Aufmerk­samkeit ges­pan­nt, doch verge­blich auf jenen Labels ruhte, die Hen­zes sin­fonis­ches Œuvre endlich kom­plet­tieren kön­nten (die Sin­fo­nia N. 8 und N. 10), hat Wer­go Vorzüglich­es her­vorge­bracht. Die Veröf­fentlichung wesentlich­er Büh­nen- und Orch­ester­stücke fort­führend, enthält die neue Plat­te zwei faszinierende Stücke, wie sie kon­trär­er kaum sein kön­nten. Doch diese Polar­ität ist durch Gegen­stand, Anliegen und musikalis­che Ver­wandtschaft geeint: Sie zeigen Hen­ze als das, was er stets blieb – als poli­tisch engagierten Kün­stler und als feinsin­ni­gen Ästhet, dessen Musik die größte Absicht hat zu wirken. Human­ität ist ihre Klam­mer, eben­so Hen­zes ständi­ges Mühen, „aus mythis­chen Tiefen Unbekan­ntes ans Tages­licht zu befördern“ und Anderes, Neues entste­hen zu lassen, „den Men­schen mit­ten ins Herz zie­lend“!
Das Dram­ma in musi­ca Aris­taeus per voce recitante (baritono) e orches­tra (1997/2003) erzählt mit der Reife und Res­ig­na­tion des Alters und Hen­zes wun­der­bar poet­is­chem und präg­nan­tem Text – das Alter Ego in der Maske des Sprech­ers, Jet­zt und Vorzeit ver­webend, Vorstel­lungskraft aufs höch­ste beflügel­nd – von ein­er unmöglichen Liebe, einem lust- und lei­d­vollen, zwis­chen Begehren und Tod ges­pan­nten Geschehen. Aris­taeus treibt Eury­dice ins Verder­ben; am Ufer des Styx beweint er seine Schuld gemein­sam mit Orpheus.
Hen­ze ver­sam­melt die mythol­o­gis­chen Fig­uren und Orte sein­er Werke und auch die Stücke selb­st, um in der so erschaf­fe­nen Land­schaft und einem „ero­tis­chen Kli­ma“ Schuld und Sühne, Frei­heit und Ver­ant­wor­tung zu the­ma­tisieren und die Welt als ewigen Spielplatz von Tragö­di­en zu zeigen. Nicht nur die Sonata per vio­li­no solo – Tir­si, Mop­so, Aris­teo (1977) hat ihren Wieder­auftritt, zu dem sich Eury­dice, das Objekt der Begier­den, und Orpheus, der zwielichtige Sänger, gesellen. Auch die Bar­caro­la (1979), dieses „Bootlied des Fährmanns Charon bei der Über­querung des Flusses Styx“, sowie die Tanzszenen Orpheus (1978) und die A‑cap­pel­la-Chöre Orpheus behind the wire (1983) nach Edward Bond wer­den herange­zo­gen, um nun instru­men­tal Hen­zes Fab­u­lieren zu begleit­en und Visionäres zu befördern.
So artikuliert die Musik mit zurück­be­orderten Klangze­ichen und For­men, mit mäan­dern­den Melo­di­en und vital­en Rhyth­men, mit inni­gen Anwand­lun­gen und gleißen­den Far­ben aufs Neue eine sehn­süchtige Sinnlichkeit und geheimnisvolle Beredtheit, die vom Tod spricht, sich ans Leben aber hält. Und als poli­tis­ches Fanal drin­gen die Chöre Orpheus hin­ter Stachel­draht mit jen­er sprö­den Kantabil­ität und klangschar­fen Expres­siv­ität, die sie in Aris­taeus ein­brin­gen, darauf, Men­schen­würde zu vertei­di­gen und auf­begehrend den Sieg der Frei­heit einzu­fordern.
Außeror­dentlich per­fekt und engagiert meis­tert der Berlin­er Rund­funk­chor mit Robin Grit­ton dieses Vokalw­erk – eben­so sou­verän wie Mar­tin Wut­tkes sug­ges­tive Sprachkun­st samt dem inten­siv­en, nuan­cen­re­ichen Spiel des Rund­funk-Sin­fonieorch­esters Berlin unter Marek Jurows­ki das Melo­dram. Die Live-Auf­nahme eines Konz­erts vom Feb­ru­ar 2004 als ein­drück­liche CD-Welt­premiere!
Eber­hard Kneipel