Mohrs, Rainer / Elmar Preusser (Hg.)

Appassionato

25 originale Vortragsstücke für Violoncello und Klavier, mittelschwer, Partitur und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2017
erschienen in: das Orchester 05/2017 , Seite 64

Mag auch nicht in jedem der 25 Werke, die dieser Band enthält, der­selbe Grad an Lei­den­schaftlichkeit glühen, so liefert die Vor­trags­beze­ich­nung „Appas­sion­a­to“ dur­chaus einen passenden Titel für diese Antholo­gie mit­telschw­er­er Stücke, mit dem die Her­aus­ge­ber an Ari­et­ta, eine 2016 erschienene Samm­lung leichter Stücke, anknüpfen.
Alle­mal sind wir, Schüler wie Lehrer, ein­ge­laden, uns mit „Pas­sion“ der Erar­beitung der lohnen­den Stücke zu wid­men. Eine Fund­grube bere­itzustellen – erk­lärtes Ziel der Her­aus­ge­ber – ist wahrhaft gelun­gen, denn die Palette der Werke reicht his­torisch von der Barockzeit bis ins Jahr 1989 und ander­er­seits von pop­ulären bis zu nachger­ade vergesse­nen Kom­po­si­tio­nen.
Vivald­is (lei­den­schaftliche!) e‑Moll-Sonate ste­ht am Beginn des chro­nol­o­gisch geord­neten Ban­des. Mit leichtem Bedauern reg­istri­eren wir, dass Wal­ter Kolned­ers jahrzehn­tealte Con­tin­uo-Aus­set­zung hier nochmals tradiert wurde. Eine weniger roman­tisierende Neu­fas­sung wäre wün­schenswert gewe­sen. In der anschließen­den G‑Dur-Sonate op. 40/3 von Bré­val – ver­glichen mit der berühmten C‑Dur-Sonate ein sel­ten zu hören­des Werk – wurde dankenswert­er­weise von ein­er „schlanken“ Con­tin­uo-Ver­sion Gebrauch gemacht. Das späte 18. Jahrhun­dert ist mit Beethovens ursprünglich für Man­do­line geschrieben­er, der Cel­lo-Idiomatik jedoch fre­undlich gesin­nter c‑Moll-Sonatine vertreten. Aus der Zeit der Roman­tik enthält der Band eine Rei­he von High­lights: Mendelssohns Lied ohne Worte, Schu­manns Fan­tasi­estücke, Fau­rés Sicili­enne, die Gavotte von Pop­per, Saint-Saëns’ Alle­gro appas­sion­a­to und nicht zulet­zt den unver­wüstlichen „Schwan“.
Daneben begeg­nen wir weniger (oder auch gän­zlich un-)bekannten Piè­cen wie Jacques Offen­bachs Fan­tasie über The­men aus „Figaros Hochzeit“ (mit aller­lieb­sten Über­leitungspas­sagen à la Parisi­enne), eini­gen char­man­ten Stück­en von Georg Golter­mann und ein­er Adap­tion der Vio­lin­ro­manze von Max Reger. Kom­pos­i­torisch ver­gle­ich­sweise schlichter gestrickt, aus cel­lis­tis­ch­er Sicht jedoch alle­mal dankbar sind die Walz­er aus der Fed­er des Dresd­ner Cel­lis­ten August Nöl­ck (1862–1928) und zwei Salon­piè­cen des aus Neusee­land stam­menden und als Päd­a­goge in Lon­don zu Ruhm gekomme­nen Arnold Trow­ell.
Appas­sion­a­to schließt mit ein­er Kom­po­si­tion von Bar­bara Heller (geb. 1936), hin­ter deren kindliche Assozi­a­tio­nen weck­en­dem Titel Lalai, Schlaflied zum Wach­w­er­den? sich eine Anklage gegen das Unrecht­sregime im Iran der 1980er Jahre ver­birgt: ein ein­drucksvolles, deut­lich auf die Wirkung von Bor­dun­tö­nen abzie­len­des und zugle­ich das vorgegebene tech­nis­che Lev­el „mit­telschw­er“ dur­chaus nicht über­steigen­des Stück neuer Musik.
Der Band enthält eine sep­a­rate (Cello-)Continuo-Stimme zu den Sonat­en von Vival­di und Bré­val. Fin­ger­satz- und Strichein­rich­tun­gen in der Cel­lostimme sind alle­samt tadel­los. Eine ins­ge­samt geglück­te Pub­lika­tion, zumal – der Begriff sei aus­nahm­sweise ges­tat­tet – unter „Preis-Leis­tungs-Gesicht­spunk­ten“.
Ger­hard Anders