Henze, Hans Werner / Alban Berg

Appassionatamente plus per grande orchestra / Lulu-Suite. Symphonische Stücke aus der Oper „Lulu“

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Cybele SACD 860.801
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 78

Die mod­erne deutsche Oper (gemeint ist hier die Neue Oper des 20. und 21. Jahrhun­derts, nicht die mod­ernistisch insze­nierte klas­sis­che Opern­lit­er­atur auf den Büh­nen unser­er Zeit) ist noch immer ein Berührungsangst-Objekt für Deutsch­lands Opern­häuser. Umso mehr, seit sich ein tonangeben­der Musi­cal-Fast­food-Boom auf den Musik­büh­nen zwis­chen Ham­burg und München bre­it gemacht hat. Wie und wo dem Stiefkind zeit­genös­sis­che Oper also einen Spielplatz ein­räu­men? Hans Wern­er Hen­zes Das ver­ratene Meer etwa, auf ein­er hochdrama­tis­chen japanis­chen Roman­vor­lage fußend, erlebte seit sein­er Urauf­führung 1990 in Berlin und auch nach der Revi­sion des Werkes im Jahr 2003 nur wenige weit­ere Insze­nierun­gen auf deutschsprachi­gen Büh­nen, zulet­zt wohl 2006 in Salzburg. Dabei ist der Stoff, von dem diese Oper lebt, an gesellschaftlich­er Aktu­al­ität kaum zu über­bi­eten, eben­so seine kün­st­lerische Bewäl­ti­gung.
Aber Hen­ze der Unbeugsame wäre nicht Hen­ze, wenn er dem Zaud­ern der Ram­p­en­hüter taten­los zuschauen würde. Und so stellte er, lis­ten­re­ich, seinem über­ar­beit­eten Opern­werk zeit­gle­ich eine Orch­esterkom­po­si­tion bei: Appas­sion­ata­mente plus per grande orches­tra. Auch diese übri­gens ein Remake, eine neue Spielart der bere­its 1994 nach der ersten Opern­fas­sung aus der Taufe gehobe­nen Orch­ester­fan­tasie Appas­sion­ata­mente. Der Kom­pon­ist schuf hier ein Cuvée aus dem Bestand instru­men­taler Zwis­chen­spiele in Das ver­ratene Meer. Ein bemerkenswert­er Trick, dieses Anfüt­tern eines Konz­ert­pub­likums, um dessen Blick beziehungsweise Gehör auf das Opern­werk selb­st zu lenken.
Ein dur­chaus Erfolg ver­sprechen­des Ansin­nen, jeden­falls in Gestalt der über­ra­gen­den Inter­pre­ta­tion, welche die Essen­er Phil­har­moniker unter Ste­fan Soltesz Ende Mai 2010 im Rah­men von RUHR.2010 während ein­er öffentlichen Auf­führung auf Super Audio CD ein­spiel­ten. Und diese neue Mehrfachkanal­tech­nik motzt ja nicht etwa mit­tels dig­i­taler Zaubereien Gutes zu Bestem auf, son­dern stellt ger­ade wegen ihrer buch­stäblich uner­hörten neuen Raumk­langqual­ität die aller­höch­sten Ansprüche an die Inter­pre­ten. Das große Orch­ester aus Essen erfüllt sie hier mit ger­adezu kam­mer­musikalis­ch­er Präsenz jedes sein­er Mit­glieder.
Das­selbe gilt auch für das zweite Werk auf dieser Scheibe, Alban Bergs Lulu-Suite. Inter­es­sant ist zudem eine werkgeschichtliche Par­al­lele bei­der doch zeitlich und stilis­tisch weit voneinan­der ent­fer­n­ten Kom­po­si­tio­nen: Wie Hen­ze ver­suchte Alban Berg mit sein­er Suite als eigen­ständi­gem Kom­plet­twerk ein­er Opern-Krise zu begeg­nen, nur: Seine let­zte Oper Lulu kon­nte er dann doch nicht mehr ganz fer­tig­stellen, wohinge­gen Hen­ze ein­er vol­len­de­ten großen Oper Leben­shil­fe spendet. Klaus Oehls Kurzes­say im CD-Book­let geht auf diese Par­al­lelität nicht ein, aber unter dem Titel „Gewalt und Natur in zwei Orch­ester­w­erken von Alban Berg und Hans Wern­er Hen­ze“ auf zeit- und werkgeschichtliche Details, die das Hör­erleb­nis zu ver­tiefen ver­mö­gen. Dieser sehr les­bare Text ist nicht zulet­zt auch ein gutes Stück Aufk­lärungs- und Reha­bil­i­ta­tion­sar­beit am Gegen­stand Neue Oper.
Gün­ter Höhne