Schlüter, Wolfgang

Anmut und Gnade

Roman (= Die Andere Bibliothek, Band 265)

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Eichborn, Frankfurt am Main 2007
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 75

Flam­mende Reden, bren­nende Bar­rikaden, bren­nende Autos: Vom Aufruf zum Aufruhr ist der Weg in Frankre­ich meist ein gutes Stück kürz­er als in vie­len anderen Gegen­den dieser Welt. Im Land der Aufk­lärung und der Revolution(en) zeigen sich soziale Ver­w­er­fun­gen in der Gesellschaft und Unruhe in der Bevölkerung schnell auf der Straße, sei es in friedlichen Massendemon­stra­tio­nen oder in Straßen­schlacht­en.
Die jüng­sten gewalt­täti­gen Unruhen, die von Immi­grantenkindern, Jugendlichen und zahllosen anderen sozial Deklassierten aus den Ban­lieues in die franzö­sis­chen Innen­städte getra­gen wur­den, mit dem Brodeln der vor­rev­o­lu­tionären Zeit um 1750 in Beziehung zu set­zen, dieses Kun­st­stück ist Wolf­gang Schlüter in seinem grandiosen Roman Anmut und Gnade gelun­gen. Wir begleit­en den Erzäh­ler Wal­ter Mardt­ner, Presseref­er­ent eines Barock­ensem­bles, nach Paris zur CD-Ein­spielung und Pre­miere von Jean-Philippe Rameaus Bal­lett-Oper Les Indes galantes. Durch die Zufalls­bekan­ntschaft mit dem Anti­quar Grünspan gelangt Mardt­ner in den Besitz eines geheimnisvollen Kon­vo­luts eines gewis­sen Jean Devin, der als qua­si all­wis­sendes Gedächt­nis ein­er ver­gan­genen Epoche fungiert und die Ver­w­er­fun­gen in der franzö­sis­chen Gesellschaft des 18. Jahrhun­derts in detail­lierten hand­schriftlichen Notat­en fest­ge­hal­ten hat.
Sozial befind­et sich Frankre­ich ab 1750 am Siedepunkt ein­er feu­dal­is­tis­chen Gesellschaft­sor­d­nung, die an ihren Gegen­sätzen von uner­messlichem Prunk des Adels und bit­terem Hunger und Armut der über­wiegen­den Bevölkerung zu zer­brechen dro­ht. In der Musik tobt der so genan­nte Buf­fon­is­ten­stre­it zwis­chen den Anhängern Lullys und Rameaus um die Vertei­di­gung der tra­di­tionellen franzö­sis­chen Musik gegen den Andrang der Mod­erne aus Ital­ien. Lit­er­arisch und poli­tisch bere­it­en die Enzyk­lopädis­ten um Diderot, Rousseau und Voltaire die Aufk­lärung vor und ger­at­en in Wider­spruch zu König Lud­wig XV. Je mehr sich Wal­ter Mardt­ner lesend und reka­pit­ulierend in die Unruhen ein­er ver­gan­genen Epoche ver­tieft, umso näher kommt er dem Sog des Auf­s­tands in der Gegen­wart, bis er endlich eines nachts zwis­chen die Fron­ten prügel­nder Polizis­ten und steinew­er­fend­er Jugendlich­er gerät.
Wolf­gang Schlüter schließt mit barock­er Über­schwänglichkeit Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart kurz, er wagt sich an die The­men Ter­ror und Tol­er­anz mit einem funkel­nden Kalei­doskop von Bildern und ein­er Fab­u­lier­lust, die bei einem schlecht­en Autor zum Debakel hätte wer­den kön­nen. Schlüter hinge­gen lässt bei aller Far­ben­pracht und Sprach­mächtigkeit eine for­male Strenge wal­ten, die jedes Abgleit­en ins Geschwätzige oder Chao­tis­che unterbindet. Mit welch­er Sicher­heit und Kun­st­fer­tigkeit er Fik­tion und His­to­rie zu verbinden weiß, ist faszinierend.
Der Erzäh­ler reagiert auf die Dop­pel­be­las­tung durch (Straßen-) Schlacht­en in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart mit kör­per­lichem Zusam­men­bruch und Fieber­wahn, der Autor hinge­gen leit­et die Engführung der The­men mit traumwan­d­lerisch­er Sicher­heit in eine reale Katas­tro­phe des 21. Jahrhun­derts. Die Explo­sion des Flugzeugs und der Tod des gesamten Orch­esters als Spiegel des Ter­rors von 9/11 und das Pud­ern der Perück­en im 18. Jahrhun­dert fasst Wolf­gang Schlüter mit nahezu iden­tis­chen Worten zusam­men: „eine grell­blendend auf­puffende Wolke aus gleißend met­allis­chem Staub, Myr­i­aden auf­blitzen­der Punk­te und glühen­der Par­tikel, einen Ster­nen­tanz, schwebend und sprühend, zer­stiebend und stäubend, dann all­gemach sink­end zum Grund“.
Rüdi­ger Behschnitt