Jost, Christian

Angst

5 Pforten einer Reise in das Innere der Angst

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Coviello Classics COV 60609
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 89

Diese CD ist die Frucht eines Kom­po­si­tion­sauf­trags, den der Rund­funk­chor Berlin an den in Berlin leben­den Kom­pon­is­ten Chris­t­ian Jost (*1963) erteilt hat. Die etwa ein­stündi­ge Chorop­er Angst gliedert sich in die fünf Sätze „Fall­en – Hölder­lin – Kalt – Amok – Ab“ und soll die ver­schieden­sten Angstzustände nicht nur beschreiben (siehe Titel), son­dern auch qua­si drama­tisch darstellen. Die Auf­nahme ent­stand in Kopro­duk­tion mit Deutsch­landra­dio Kul­tur im Jan­u­ar 2006. Die Texte von vier Sätzen stam­men (da ohne Herkun­ft­sangabe) wohl vom Kom­pon­is­ten selb­st, ein­er von Hölder­lin.
Jost beschreibt seine Auf­gabe fol­gen­der­maßen: „Wie schaf­fen wir es, […] ein Musik­the­ater für einen Chor zu entwick­eln? Die real­is­tis­che Abbil­dung ein­er Hand­lung schloss sich von vorn­here­in aus, denn um ein Span­nungsver­hält­nis aufzubauen, braucht man Spiel­er und Gegen­spiel­er, und die hat man nicht, wenn man nicht mit Einzelschick­salen operiert, son­dern mit ein­er Masse.“ Aus­gangspunkt der Hand­lung ist ein Spiegel-Artikel über einen verunglück­ten Berg­steiger: Beim Ret­tungsver­such des Verunglück­ten musste der unversehrt gebliebene Part­ner schließlich das Seil durchtren­nen, um sein eigenes Leben zu ret­ten. Damit ver­let­zte er eines der streng­sten Tabus der Berg­steiger-Ethik.
Im ersten Satz „Fall­en“ wird nach einem far­big instru­men­tierten Vor­spiel, dessen Klang­farbe sich der elek­tro­n­is­chen Palette nähert, der Chor dafür einge­set­zt, real­is­tisch das Fall­en des Berg­steigens u.a. durch lang gezo­gene Vokalisen darzustellen. Dage­gen dient als Kon­trast der zweite Satz „Hölder­lin“ der lyrischen Besin­nung und wird musikalisch durch viel­stim­mi­gen A‑cap­pel­la-Gesang aus­gek­lei­det. Der dra­matur­gis­che Fort­gang ste­ht dabei – ohne Angst – qua­si still.
Der dritte Satz „Kalt“ beschreibt die Fol­gen des Absturzes in eine Gletsch­erspalte, wobei geschickt kon­trastierend und dial­o­gisierend mit weib­lichen und männlichen Vokalstim­men die Sit­u­a­tion von Abgestürztem und Ret­ter geschildert wird, instru­men­tal gestützt durch starre Klang­blöcke. Der vierte Satz „Amok“ umreißt musikalisch die psy­chol­o­gis­che Wand­lung des Ret­ters durch vokales Wech­sel­spiel von Sprech­grup­pen und solis­tis­chem Gesang, instru­men­tal ver­stärkt durch flir­rende Flöten- und Cel­lok­länge. Dabei treten auch aus dem Unter­be­wusst­sein grausame Erin­nerun­gen auf und reflek­tieren die psy­chol­o­gis­che Stim­mung.
Der abschließende fün­fte Satz, kurz „Ab“ über­schrieben, endet nach auf- und abschwellen­dem, viel­stim­migem fonetis­chem Klangtep­pich mit den still deklamierten Worten „Schnei­de ab – geschnit­ten – schnei­dend – schnitt es ab – ab“ und führt damit zum Tod des Verunglück­ten. Mit diesem abrupten Ende wer­den psy­chol­o­gisch die Fol­gen des über­leben­den Berg­steigers aus­geklam­mert. Sie bleiben dem Hör­er über­lassen…
Doch was bleibt nach dem Lesen des aus­führlichen Book­lets (das zum Ver­ständ­nis der Chorop­er unbe­d­ingt notwendig ist)? Mir fällt Arnold Schön­bergs Psy­chodra­ma Erwartung ein, wo von ein­er einzi­gen Sän­gerin die sich kon­tinuier­lich steigern­den Angst­mo­mente in ein­er einzi­gen Kli­max geschildert wer­den, während sich bei Josts Angst der Ein­druck eines musikalis­chen Zwit­ters verdichtet, bei dem die optisch-szenis­che Kom­po­nente fehlt.
Rudolf Lück