Moore Mother
Analog Fluids Of Sonic Black Holes
für Stimme, Streichquartett und Orchester von Ian Anderson Moor Mother (Stimme), Wooden Elephant, Beethoven Orchester Bonn, Ltg. Dirk Kaftan
Auch wenn repressive Systeme aus Machtkalkül immer wieder die Menschenwürde missachten, speichert das kollektive Gedächtnis wie ein Sediment Erinnerungen an das Lebenswerk. Diese Kenntnis hat sich die US-amerikanische Poetin, Musikerin und Aktivistin Moor Mother (*1976 als Camea Ayewa), die im Künstlerkollektiv Black Quantum Futurism organisiert ist, zu eigen gemacht.
Ihr Epos Analog Fluids Of Sonic Black Holes (etwa: Flüssigkeiten akustischer Schwarzer Löcher) ist eine Metapher für Afrofuturismus und vor allem für (historische) Räume intensiver traumatischer Erfahrungen. Ihr monologisches Rezitativ in 13 Kapiteln evoziert entsprechende Gefühle wie Schmerz und Leid, Auflehnungen und Proteste, die Ungerechtigkeiten wie Gewalt gegen Schwarze Menschen und Frauen und auch Polizeiwillkür anprangern. Ian Anderson, Bratschist beim Wooden Elephant, hat dieses Wortdrama für Solostimme, Orchester und Streichquintett in differenzierter Rollenverteilung arrangiert, wobei der Wooden Elephant auch zwischen stilistischen Sphären vermittelt. Aus einem „Repeater“-Lamento folgt für den Wunsch Don’t Die ein dunkler Groove mit Streicherglissandi und Perkussion. Orchester-Bluenotes und pochender Rhythmus als Drohkulisse geht über zum Rapstil der Engineered Uncertainty. Cineastische Momente kulminieren ekstatisch, nur um sich dann in einem Wiegenlied zu beruhigen. In Sonic Black Holes selbst sind kribbelnde Dissonanzen aktiv, die sich zum Demonstrationsmarsch formieren, wo mit imperialen Brass-Exklamationen „Stop The Bullshit America“ gefordert wird. Nach einer denkwürdigen Cold Case-Elegie verweist Moor Mother auf die politische Bürde der Sklaverei, die nicht vergessen werden darf, um in Würde „on the fields of democracy“ leben zu können.
Zwar ist der Vokalpart, der in allen Facetten vitaler Kommunikation – narrativ, deklamierend, schreiend – von Moor Mother hervorgebracht wurde, zentral für diese Komposition. Doch darüber hinaus hat Ian Anderson Elemente klassischer Musik, (Free-)Jazz sowie Rap & Pop zu überzeugender zeitgenössischer Stilistik integriert und dem Werk so eine kohärente Struktur gegeben. Angesichts aktueller Ereignisse in Minneapolis (USA) ist Analog Fluids Of Sonic Black Holes aus dem Jahr 2019 geradezu visionär und zugleich ein musikalisches Fanal und ein Appell an das Gewissen aller Verantwortlichen, Gewalt und Unterdrückung als Methode politischer Disziplinierung zugunsten friedlicher Konfliktlösungen zu beenden.
Hans-Dieter Grünefeld


