Werke von Franz Liszt, Claude Debussy, Fanny Mendelssohn, Louis Spohr u. a.
Amalie’s Cosmos
Anne-Sophie Bertrand (Harfe)
Amalies Welt ist eine mit geöffneten Türen und weit offenen Fenstern. In ihrem Haus ist willkommen, wer etwas zu erzählen hat – literarisch, musikalisch, wissenschaftlich. Man trifft sich in ihrem Salon, rückt an der Spandauer Straße und später in der Villa am Tiergarten zusammen, hört, was neu ist, diskutiert und bewertet, greift Anregungen auf, führt sie andernorts weiter oder genießt einfach nur den Augenblick. An Amalie Beer, geb. Meyer Wulff (1767-1854), kam im Berlin der Biedermeier-Zeit nicht vorbei, wer was war oder werden wollte. „Mama Beer“ war der Mittelpunkt eines ausgedehnten Netzwerks, in dem sich viele verschiedene biografische Fäden miteinander verknüpfen konnten.
Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand lädt mit ihrer neuen CD herzlich in die Gesellschaft der Salonnière ein und macht uns auf ihre Weise noch einmal bekannt mit einer illustren Gästeschar, darunter Franz Liszt und Mikhail Glinka, Fanny Mendelssohn und Louis Spohr. Klug setzt die Musikerin eine feine Auswahl an Werken zueinander in Beziehung. So platziert sie das La caccia des Beer’schen Dauergasts Niccolò Paganini neben das Capriccio des zeitgenössischen Komponisten Nimrod Borenstein (eine Auftragskomposition!). Sie bittet mit Carl Maria von Webers Rondo Brillant zum Tanz und lädt mit Claude Debussys Estampes gleich den weitgereisten Naturforscher Philipp Franz von Siebold mit zu Tisch. Stets gegenwärtig ist Amalies berühmt gewordener Sohn Jakob: Giacomo Meyerbeer war einer der erfolgreichsten Opernkomponisten seiner Zeit – auch seine Musik bringt Anne-Sophie Bertrand zu Gehör.
Einige der ausgewählten Werke hat die Soloharfenistin des hr-Sinfonieorchesters auch selbst für Harfe eingerichtet, etwa die Sérénade der Sängerin, Komponistin und Pianistin Pauline Viardot, die in Baden-Baden und Paris wiederum eigene Salons unterhielt.
Es ist zu spüren, mit welch liebevoll-wissbegieriger Entdeckerinnenlust sich Anne-Sophie Bertrand auf den Weg in Amalies Kosmos gemacht hat. Sie lässt die Klangfarben ihres Instruments glänzen, spielt in der ruhigen, klaren Form jenes Gebens und Nehmens, das eine fruchtbare, anregende Konversation auszeichnet.
Weil die Interpretin, die unter anderem an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt unterrichtet, gleich mehrfach auf Harfenisten und Harfenistinnen weist, an deren Kunst sie anknüpfen kann (Albert Zabel, Henriette Renié …), spiegelt der Besuch in Amalies Welt auch den Kosmos der Anne-Sophie Bertrand. Ihr neues Solo-Album trägt eine sehr persönliche Handschrift. Und: Es setzt einer charismatischen, toleranten, wohltätigen, akzeptierten und emanzipierten jüdischen Frau aus Berlin ein längst überfälliges Denkmal.
Claudia Irle-Utsch


