Sánchez-Verdú, José María

Alqibla/La rosa y el ruiseñor/Elogio del horizonte/Ahmar-aswad/Paisajes del placer y de la culpa

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Kairos 0012782KAI
erschienen in: das Orchester 06/2010 , Seite 67

Hier ist ein Meis­ter am Werk! Kaum eine CD mit zeit­genös­sis­ch­er Orch­ester­musik ver­mag einen so in Bann zu ziehen wie diese Auf­nah­men von Werken des andalu­sis­chen Kom­pon­is­ten José Maria Sánchez-Verdú. Mit Hil­fe mod­ern­ster Spiel­weisen ent­lockt er dem Orch­ester Töne und Klänge, die die Vorstel­lungskraft der Zuhör­er beflügeln. Bere­its der Beginn von La rosa y el ruiseñor (Die Rose und die Nachti­gall) lässt einen das Hier und Jet­zt vergessen: Tiefe Trom­meln und liegende Bässe evozieren eine schat­ten­hafte, unheim­liche Umge­bung, in die hinein ver­streut einzelne helle Bläs­er oder auch Vio­li­nen rufen, als woll­ten sie tas­tend erfra­gen, ob ihnen Unheil dro­he. Man möchte diesen geheimnisvollen Klän­gen immer weit­er lauschen – und die Neugi­er wird belohnt. Zwei Sänger, ein Mann und eine Frau, sind zu vernehmen, undeut­lich noch, wie aus weit­er Ferne, sowie
einige Klänge, die eben­falls einen lan­gen Weg zurück­le­gen mussten, um an unser Ohr zu gelan­gen. Erst allmäh­lich lassen sie sich als Töne von drei Vio­le da gam­ba aus­machen. Musik aus dem Barock weht hinein in eine Szener­ie sub­til­ster Gegen­wart, doch sind es nicht etwa Zitate alter Musik, nein, es genügt allein der Klang dieser Instru­mente, um diese Assozi­a­tio­nen her­aufzubeschwören.
Sánchez-Verdú erweist sich als wahrhafter Klangschöpfer. Jedes Stück auf dieser CD erzählt eine andere, faszinierende Geschichte, die unmit­tel­bar berührt und daher auch intu­itiv ver­standen wer­den kann. Dazu trägt die unge­mein facetten­re­iche Instru­men­tierung bei, die mit Obertö­nen spielt, Blas- und Kratzgeräusche ein­fordert, kurz: das gesamte Reper­toire, das sich die neue Musik in den ver­gan­genen fün­fzig Jahren müh­sam und in oft wenig überzeu­gen­den Kom­po­si­tio­nen erar­beit­et hat. Die Anstren­gun­gen haben sich gelohnt, denn anhand der Leichtigkeit, mit der Sánchez-Verdú diesen Kanon an Aus­druck­mit­teln ein­set­zt, wird klar, dass man sie mit­tler­weile als „ganz nor­male“ Kom­po­nen­ten ver­wen­den kann – neben vie­len anderen mehr. Eine der wichtig­sten Entschei­dun­gen für einen Musik­erfind­er ist die Frage, wie viel Zeit ein Klang oder ein Zus­tand inner­halb ein­er Kom­po­si­tion benötigt – oder anders gedacht: wie viel Zeit ihm zuste­ht. Dieser Kom­pon­ist hat ein untrüglich­es Gespür für den Energiege­halt sein­er Musik. Daher fol­gt man manch­mal mit ange­hal­tenem Atem seinen Klän­gen, man fragt sich, wie lange er es noch aushal­ten kann – hin­ter­her muss man beein­druckt lächeln und zugeben: sehr lange!
Stim­mig auch die Auswahl der Stücke für diese CD: unter­schiedlich beset­zte Orch­ester­w­erke, ein wun­der­bares Klar­inet­tenkonz­ert (das unbe­d­ingt in das Reper­toire aller großen Orch­ester und Solis­ten aufgenom­men gehört) sowie jenes ein­gangs erwäh­nte für Sopran, Bari­ton, drei Vio­le da gam­ba und Orch­ester. Die Book­let-Porträts von Rain­er Pöll­mann und Thorsten Palzhoff brin­gen uns den Kom­pon­is­ten und seine Musik nahe.
Die Inter­pre­ten der Stücke sind: Junge Deutsche Phil­har­monie, Ltg. Lothar Zagrosek; Clau­dia Barain­sky (Sopran), Gabriel Suo­va­nen (Bari­ton); Banchet­to musi­cale; Joan-Enric Llu­na (Klar­inette), Orchestre de la Suisse Romande, Ltg. Marek Janows­ki; Orques­ta Nacional de España, Ltg. Miguel Harth-Bedoya; hr-Sin­fonieorch­ester, Ltg. Pas­cal Rophé/Peter Run­del.
Sibylle Kayser