Müller, Melissa / Reinhard Piechocki

Alice Herz-Sommer — “Ein Garten Eden inmitten der Hölle”

Ein Jahrhundertleben

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Droemer, München 2006
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 84

Ein Buch sach­lich zu rezen­sieren, welch­es beim Lesen und noch darüber hin­aus über­aus stark berührt und bewegt hat, ist keine leichte Auf­gabe. Tief beein­druckt von der Per­sön­lichkeit der Autorin und angeregt zum Über­denken des eige­nen Lebens liegt das Buch zum Weit­ergeben bere­it. Ja, dies Buch soll­ten noch viele Men­schen lesen, nicht nur, aber beson­ders die Musik­in­ter­essierten. Alice Herz-Som­mer hat ihr Leben erzählt und es wurde von Melis­sa Müller und Rein­hard Piechoc­ki in wohlfor­muliert­er Sprache notiert.
Woher hat diese Frau ihren unge­broch­enen Lebens­mut? Wo liegt ihre Kraftquelle, aus der sie mit unver­sieg­barem Opti­mis­mus schöpft, sog­ar angesichts lebens­bedro­hen­der Sit­u­a­tio­nen? Wie schafft sie es immer wieder, sich selb­st und anderen Mut zuzus­prechen, neu zu begin­nen, Altes hin­ter sich zu lassen und das, wo sie wie so viele Unschuldige Unerträglich­es ertra­gen musste?
Alice Herz-Som­mer ist Jüdin. 1903 kam sie in Prag zur Welt, wo sie ihre Kind­heit und Jugend inmit­ten des aufgek­lärten Bürg­er­tums ver­brachte. Die Fam­i­lie stand in Kon­takt mit Schrift­stellern und Wis­senschaftlern, darunter auch Sig­mund Freud, Max Brod, Franz Wer­fel und Franz Kaf­ka, an den sich Alice Herz-Som­mer bis heute gut erin­nert. Schon als Fün­fjährige bekam sie Klavierun­ter­richt und schon mit 16 Jahren war sie Mit­glied der Deutschen Musikakademie in Prag. Bald begann die unaufhalt­same Kar­riere ein­er über­aus begabten Pianistin.
Die Nation­al­sozial­is­ten been­de­ten die Kar­riere mit Auftritts- und Unter­richtsver­bot. Beina­he wäre es den Nation­al­sozial­is­ten gelun­gen, Herz-Som­mer seel­isch zu zer­stören. Als ihre damals 72 Jahre alte und kranke Mut­ter deportiert wurde, wurde die Pianistin depres­siv, kon­nte nicht mehr musizieren. Aber „eine innere Stimme kam mir in den Sinn, an die ich mich auch nach 80 Jahren noch genau erin­nere, an welch­er Stelle in Prag dies geschah. Diese Stimme sagte mir: Jet­zt kannst nur du dir helfen, nicht der Mann, nicht der Dok­tor, nicht das Kind. Und im sel­ben Moment wusste ich: ich muss die 24 Etü­den von Fred­er­ic Chopin spie­len. … Ich ran­nte nach Haus, und von dem Moment an habe ich Stun­den um Stun­den und Stun­den geübt, bis zu unser­er Deportierung.“
In There­sien­stadt ret­tete ihr die Musik das Leben. Ihr Mann Leopold Som­mer kam 1945 in Dachau um, aber Alice Herz-Som­mer und ihr Sohn Raphael, 1937 geboren, über­lebten There­sien­stadt, weil sie Konz­erte gab, u.a. mit den Chopin-Etü­den. Jede einzelne der Etü­den wird von den Autoren Müller und Piechoc­ki klug und für den Laien dur­chaus ver­ständlich vorgestellt und in bewe­gende Zusam­men­hänge mit There­sien­städter Bewohn­ern und Begeben­heit­en gebracht.
Nach der Befreiung lebte Herz-Som­mer kurz in Tschechien, dann 37 Jahre lang in Israel, um dann 1986, im Alter von 83 Jahren, zu ihrem Sohn und sein­er Fam­i­lie nach Lon­don zu ziehen, wo sie heute noch lebt.
Die Nation­al­sozial­is­ten haben ihr viele Fam­i­lien­ange­hörige und Fre­unde getötet, ein Unfall riss ihren Sohn 2001 aus ihrem Leben, aber ihre Lebens­freude und ihren Lebens­mut kon­nten ihr nicht genom­men wer­den. Ein sehr wichtiger Vor­satz, den sie auch ein­lösen kon­nte, war der, dass ihr Sohn keinen Hass gegen Men­schen oder die Deutschen empfind­en sollte. Dies war sich­er auch ein wesentlich­er Grund, warum sie so lange geschwiegen hat. Vielmehr kann sie bis heute mit ihrem sym­pa­this­chen osteu­ropäis­chen Akzent sagen: „Wir sind umgeben von Wun­dern“, oder: „Musik ist ein Zauber“, oder: „Es hängt von mir ab, ob das Leben schön ist oder nicht!“ Und solche Sätze regen doch wohl jeden Leser zum Nach­denken an, oder?
Vio­la Karl