Cécile Chaminade

Albumblätter

Drei Klavierstücke im Arrangement für Streichquartett von ­Wolfgang Birtel, Partitur und Stimmen

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Verlag Dohr, Köln
erschienen in: das Orchester 5/2026 , Seite 71

Zu Lebzeiten ignoriert oder unterdrückt, nach dem Tod schnell vergessen: Das war in der Musikgeschichte oft genug das Schicksal komponierender Frauen, die nun heutzutage im Zeichen der Gleichberechtigung auf breiter Front ihre (Wieder-)Entdeckung als Künstlerinnen finden. Die Französin Cécile Chaminade bildet in dieser Hinsicht eher eine Ausnahme, denn sie wurde bereits zu ihrer Zeit anerkannt. Als Tochter wohlhabender Eltern aufgewachsen und von Georges Bizet gefördert, entfaltete sie bald ihre pianistischen und kompositorischen Fähigkeiten.
Als Pianistin unternahm sie Konzertreisen in ganz Europa und, mit besonderem Erfolg, in die USA. Mit ihrem kompositorischen Schaffen gewann sie ebenfalls vielfache Zustimmung. Der französische Komponist Ambroise Thomas schrieb über sie – Kind seiner Zeit: „Dies ist keine komponierende Frau, sondern ein Komponist, der eine Frau ist.“ Cécile Chaminade hat auch größere Werke hinterlassen wie die einaktige komische Oper La Sévillane oder das bis heute populäre Concertino für Flöte und Orchester op. 107, doch dominieren in ihrem Werkkatalog kleinere Arbeiten, darunter etwa zweihundert Klavierstücke.
Warum sollten Cécile Chaminades reizvolle Charakterstücke allein den Pianisten vorbehalten bleiben? Der bereits vielfach als Musikbearbeiter und -herausgeber tätige Wolfgang Birtel hat drei derartige Kompositionen für Streichquartett arrangiert: die Nr. 2 aus den Deux Mazurkas op. 1 von 1869, die Havanaise op. 57 von 1891 und die Pastorale op. 114 aus dem Jahre 1904. Die Edition enthält eine zusätzliche, ad libitum einzusetzende Kontrabass-Stimme, die bei Aufführungen nicht nur für einen üppigeren Klang sorgt, sondern auch teilweise von der Cellostimme unabhängige, kleine eigene Akzente setzt.
Besonders Mazurka und Pastorale sind in Wolfgang Birtels Streicher-Arrangement auch für Liebhaber problemlos auszuführen. Alle drei Stücke eignen sich bestens als Zugaben bei Streichquartett-Abenden oder als Bestandteile eines Salonmusik-Programms. Die Abweichungen der Bearbeitung vom Klavier-Original, was Notentext und Vortragsanweisungen betrifft, sind gering und wirken durchwegs plausibel. Erste Violine und Cello sind die Haupt-Melodieträger, doch übernimmt auch der Bratschenpart gelegentlich thematische Aufgaben. Geschickt ist eine Oberstimmenmelodie immer wieder dialogisch auf erste und zweite Violine verteilt. Die stärksten Eingriffe galten der Havanaise. Sie wurde von der streicherunfreundlichen Tonart es-Moll (mit Es-Dur-Schluss) um einen Halbton nach unten versetzt. Daneben hat Birtel durch Oktavtransponierungen die typische Habanera-Rhythmusfigur jenem Modell angepasst, das man aus Bizets Carmen kennt.
Gerhard Dietel

 

 

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