Irmlind Capelle
Albert Lortzing
Eine Annäherung in 77 biografischen Stationen
Auf heutigen Spielplänen tauchen die überwiegend heiteren Meisteropern von Albert Lortzing wie Zar und Zimmermann und vor allem Der Wildschütz leider kaum noch auf. Das ändert sich vielleicht wieder in diesem Jubiläums-Jahr 2026, denn am 21. Januar war Lortzings 175. Todestag und am 23. Oktober folgt sein 225. Geburtstag. Da kommt dieses neue Standardwerk von der führenden Lortzing-Forscherin Irmlind Capelle gerade recht. Als erste Lortzing-Biografie hat es die moderne Form einer ebenso aufschlussreichen wie kurzweiligen Quellen-Kompilation, bewusst beschränkt auf die wichtigsten Lebens-Stationen dieses interessanten Komponisten. Inhalt und Struktur seiner Werke bleiben dabei außen vor, denn dies „befreite“ die Autorin nach eigener Angabe „von der Thematisierung des schwierigen Verhältnisses von künstlerischer und biografischer Aussage“.
Die 77 Stationen sind nicht nur chronologisch, sondern weiten jeweils den Blick auf einen bestimmten Aspekt – zum Beispiel wie man damals umzog: Entweder musste man unfreiwillig alle Möbel verkaufen oder diese sehr teuer transportieren lassen, zunächst noch mit der Postkutsche. Lortzing hat sein letzter Umzug von Leipzig in seine Geburts-Stadt Berlin praktisch ruiniert, zumal er unmittelbar zuvor kaum Einkünfte hatte. Das Buch bringt nichts wesentlich Neues, räumt aber auf mit vielen Legenden und Ungenauigkeiten, indem es immer so genau wie möglich hinschaut. Etwa auf das Verhältnis von Lortzing zu Felix Mendelssohn (wohlwollend distanziert) oder seinen mutmaßlichen Einfluss auf Richard Wagner (schon Lortzing schrieb sich seine Libretti weitgehend selbst und behandelte in seiner Oper Hans Sachs den gleichen Stoff wie später Wagner in Die Meistersinger von Nürnberg). Mit dem genialen Autodidakten Lortzing lernen wir selbst bei der Lektüre ständig dazu, verstehen immer besser, wie man sich damals als begabter Künstler durchschlagen musste. Interessant außerdem, dass die erste erhaltene Komposition des ausgesprochenen „Theatermenschen“ Lortzing nicht mit Gesang ist, sondern Thema mit Variationen für Horn und Orchester LoWV 4, entstanden 1820 in Köln.
Sehr erfreulich wirken auch die zahlreichen in den Text eingefügten Abbildungen, von denen einige laut Capelle „eher illustrierenden Charakter (Personen, Gebäude) haben, andere aber (vor allem Anzeigen, Rezensionen etc.) bewusst eigenen Inhalt, der den Text ergänzt oder kommentiert.“ Das Ganze zeigt durchaus wissenschaftlichen Charakter, mit Fußnoten und Literaturverzeichnis, lässt sich aber flüssig lesen und inspiriert zur weiteren Beschäftigung mit Lortzing.
Ingo Hoddick


