Vasks, Peteris

Ainava ar putniem (Landschaft mit Vögeln)

für Flöte solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2008
erschienen in: das Orchester 07-08/2009 , Seite 64

Der 1946 geborene let­tis­che Kom­pon­ist Peteris Vasks hat in Riga (wo er auch lebt) und Vil­nius studiert. Bis 1974 spielte er als Kon­tra­bassist in ver­schiede­nen Orch­estern. Seine Musik find­et Anklang, seine Kom­po­si­tio­nen, mit denen er seine Zuhör­er unmit­tel­bar emo­tion­al ansprechen möchte, wer­den oft und gern aufge­führt. Vögel als Sym­bol der Frei­heit haben für ihn nicht nur aus poli­tis­chen Grün­den eine beson­dere Bedeu­tung, als Mit­tler zwis­chen Him­mel und Erde machen sie uns auch die Zwiespältigkeit der men­schlichen Exis­tenz bewusst, die Diskrepanz zwis­chen dem, was der Men­sch tut und was er tun sollte. Der Klang der Flöte, die den Gesang der Vögel nachzu­bilden weiß, scheint den Kom­pon­is­ten deshalb wohl auch beson­ders zu inspiri­eren. Das zeigen seine Bläserquin­tette “Musik für die fort­ge­flo­ge­nen Vögel” (1977) und “Musik für einen ver­stor­be­nen Fre­und” (1982), die Solosonate für Flöte (1992, in den Eck­sätze mit Alt­flöte), und, ganz aktuell, das Flötenkonz­ert von 2009, eine Auf­tragskom­po­si­tion des WDR.
Das gegenüber der dreisätzi­gen und tech­nisch expan­siv­en Sonate ein­fach­er gestal­tete Solostück “Land­schaft mit Vögeln” ist bere­its 1980 ent­standen; was die Nota­tion bet­rifft, wurde der Text für die Neuaus­gabe ein wenig redigiert. Im Ver­gle­ich zur ursprünglichen Aus­gabe des Sow­jetis­chen Staatsver­lags, die bei Siko­rs­ki (vor dem so genan­nten Fall des Eis­er­nen Vorhangs) erhältlich war, hat der Text ein­er­seits kleine Verän­derun­gen erfahren, ist aber auch lese­fre­undlich­er und sin­nvoller gewor­den, z.B. wurde mehr auf die Motive geachtet und Läufe wer­den nicht willkür­lich unter­brochen. Ob es nun der Kom­pon­ist selb­st war, der seine Vorstel­lun­gen präzisieren wollte, oder ob ein – jeden­falls unge­nan­nter – Her­aus­ge­ber beteiligt war: Es gibt immer noch einige Unklarheit­en, wenn auch andere als in der alten Fas­sung. Mit etwas Fan­tasie wird sich aber ver­mut­lich für alles eine musikalisch überzeu­gende Lösung find­en lassen.
“Land­schaft mit Vögeln” ist eine ern­ste und faszinierende Kom­po­si­tion, und zugle­ich ist es angenehm oder sog­ar wohltuend, daran zu arbeit­en. Durch den leb­haften Wech­sel der Motive wirkt sie abwech­slungsre­ich, durch ihre Dre­it­eiligkeit (Misterioso/Allegro drammatico/Misterioso) for­mal geschlossen, und dass die Stimme ein­be­zo­gen wird, ist kein bloßer Effekt, son­dern tat­säch­lich eine zweite Stimme, die auch gehört wer­den will. Die Zei­tangaben für die nicht aus­geschriebe­nen Motivwieder­hol­un­gen und für die Fer­mat­en sind sekun­den­ge­nau notiert, man wird sich aber, um sich ganz auf die Musik ein­lassen zu kön­nen, gele­gentlich mehr Zeit nehmen. Obwohl es für idioma­tisch Ver­sierte keine allzu schwieri­gen Auf­gaben stellt, kön­nte dieses Stück seine Inter­pre­ten, wenn sie es im Sinne des Kom­pon­is­ten spie­len wollen, an die Gren­zen der eige­nen Möglichkeit­en führen – so wie der Gesang der Vögel, der uns so müh­e­los erscheint, auch ihnen das Äußer­ste abver­langt.
Ursu­la Pesek