Strawinsky, Igor

Agon. Ballet for Twelve Dancers

Aufnahme des Südwestfunks 1957

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6771
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 70

„Musik­lieb­haber glauben, der größte lebende Diri­gent sei Toscani­ni. Musik­er wis­sen, dass es Hans Ros­baud ist.“ Dieses sagte Fran­cis Poulenc im Jahr 1954, und es kann nicht schaden, sich ger­ade heute dieser Worte zu erin­nern. Der 1962 ver­stor­bene öster­re­ichis­che Diri­gent ist wahrschein­lich lei­der nur noch Experten­zirkeln wirk­lich ein Begriff – was daran liegen mag, dass er in der Nachkriegszeit vornehm­lich für den Rund­funk auf­nahm und an ein­er Kar­riere als „Schallplat­tendiri­gent“ nicht inter­essiert war. Oder vielle­icht inter­essierte man sich an den entschei­den­den Stellen auch nicht für ihn?
Wie dem auch sei, welch über­ra­gende Rolle Ros­baud für die Ver­mit­tlung zeit­genös­sis­ch­er Musik spielte, wird auf der vor­liegen­den CD wieder ein­mal deut­lich: Straw­in­skys Agon, seine let­zte Bal­lettpar­ti­tur, aufgenom­men 1957, im Jahr der Urauf­führung, von Wer­go 1964 als LP veröf­fentlicht und nun, im Rah­men der „Stu­dio Rei­he“ des Labels, erst­ma­lig als CD erhältlich. Es beste­ht nun also die Gele­gen­heit, ein Schlüs­sel­w­erk der zeit­genös­sis­chen Musik in ein­er Inter­pre­ta­tion ken­nen zu ler­nen, die ent­stand, noch bevor das Opus seinen Platz im Orch­ester- und Bal­let­treper­toire fand. Ganz abge­se­hen davon, dass die Klangqual­ität für das Auf­nahme­da­tum äußerst zufrieden­stel­lend, wenn auch nicht per­fekt aus­ge­fall­en ist, ver­mö­gen Ros­baud und das Sin­fonieorch­ester des Süd­west­funks Baden- Baden auf rein musikalis­ch­er Ebene voll und ganz zu überzeu­gen. Das bet­rifft die gen­uin tänz­erischen Qual­itäten der Musik eben­so wie die äußerst dif­fizilen Kom­bi­na­tio­nen und Aus­tarierun­gen der einzel­nen Klang­far­ben. Und schließlich gelingt es Ros­baud auf imponierende Weise, die Reise durch die Jahrhun­derte der Musikgeschichte, die Straw­in­sky in seinem Agon untern­immt – von der Renais­sance bis zur Zwölfton­tech­nik und wieder zurück –, sin­n­fäl­lig und bild­haft nachzuze­ich­nen. Es sei allerd­ings nicht ver­schwiegen, dass es bere­its mehrere qual­itätvolle Ein­spielun­gen der Par­ti­tur gibt, beispiel­sweise von Michael Tilson Thomas (RCA) und Michael Gie­len (Hänssler), und diese haben gegenüber der Wer­go-CD den Vorteil, dass sie noch andere Werke Straw­in­skys enthal­ten. Bei Wer­go muss man sich mit Agon beg­nü­gen, und das Stück dauert noch nicht ein­mal dreißig Minuten!
Den­noch besitzt die Ein­spielung ein „Alle­in­stel­lungsmerk­mal“, das es in sich hat: den 35-seit­i­gen (!) Auf­satz Hel­mut Kirch­mey­ers, der ungekürzt von der LP-Aus­gabe über­nom­men wurde. In diesem Essay erfährt man wirk­lich alles, was man über Agon wis­sen muss: Entste­hungs­geschichte, kom­pos­i­torische Beson­der­heit­en und vor allem einen Überblick über die von Straw­in­sky im Agon benutzten Tanz­for­men und ihre His­to­rie. Undenkbar, dass sich heute ein Ton­träger-Label eine der­ar­tige edi­torische Mühe machen würde. Die CD-Edi­tion überzeugt also als his­torisches Doku­ment sowohl auf musikalis­ch­er wie auf lit­er­arisch­er Ebene. Angesichts dessen lässt sich die magere Spiel­d­auer verschmerzen.

Thomas Schulz