Alain Girard

Aerophor

Eine Dokumentation – A Documentation

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Johannes Petri
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 58

„Schw­er ist das Fagott zu blasen, Pusten über alle Massen
Doch mit einem Aerophor
Macht man all’ dies mit Humor.
Musst man früher schw­er sich schin­den,
Kann man jet­zt Vergnü­gen find­en, Wenn von dem Blase­balge leicht
Luft durch Mund und Röhrchen stre­icht.
Jeden Ton auf dem Fagott
Halt ich aus jet­zt bis zum Tod!“ –
so über­liefert von einem Fagot­tis­ten namens Wun­der­lich aus Mainz.
Der Aerophor war nicht auf das Fagott beschränkt. Am Anfang des 20. Jahrhun­derts von dem Solo- und Orch­ester­flötis­ten Bernard Samuels erfun­den, ermöglicht es der „Ton-Binde-Appa­rat“, auf allen Blasin­stru­menten beliebig lange Töne mith­il­fe eines Blase­bal­gs, eines Schlauchs für die Luftzu­fuhr und eines Mundrohrs spie­len zu kön­nen; das Mundrohr ist dabei am jew­eili­gen Instru­ment befes­tigt.
Als vielver­sprechende Lösung für die Atem­prob­leme der Bläs­er angesichts steigen­der Anforderun­gen in den Orch­estern wurde die Neuerung von vie­len wichti­gen Diri­gen­ten und Musik­ern der Zeit aus­ge­sprochen pos­i­tiv aufgenom­men und fand inner­halb kurz­er Zeit eine beachtliche Ver­bre­itung. Richard Strauss beze­ich­nete die Erfind­ung als epochemachend und prophezeite, mit ihr beginne „ein neues Säcu­lum der Orch­ester-Tech­nik“. In der Par­ti­tur der Alpensin­fonie und dem Fes­tlichen Prae­ludi­um schrieb er die Benutzung des Aerophors sog­ar vor, „um in den Blasin­stru­menten die lan­gen Bindun­gen ohne Atem-
unter­brechung auszuführen“.
Bernard Samuels wurde 1872 in Suri­nam geboren und wuchs in Hol­land auf. Er spielte in ver­schiede­nen hol­ländis­chen und deutschen Orch­estern Flöte, von 1906 bis 1911 auch im Bayreuther Fest­spielorch­ester. 1911 meldete er den Aerophor in mehreren Län­dern zum Patent an und bemühte sich kon­tinuier­lich um eine Ver­vol­lkomm­nung sein­er Erfind­ung, u.a. durch das Hinzufü­gen ein­er Luft­be­feuch­tung und -heizung.
Nach mehreren Reisen, die den Aerophor bekan­nt machen und seinen Verkauf fördern soll­ten, kehrte Samuels nach Hol­land zurück. 1944 starb er im KZ There­sien­stadt, wie auch seine Frau. Die bei­den Töchter – ei­ne war von Beruf Har­fenistin – wur­den 1943 in den Konzen­tra­tions- bzw. Ver­nich­tungslagern Auschwitz und Sobi­bor ermordet.
Nach dem Zweit­en Weltkrieg geri­et der Aerophor in Vergessen­heit und wurde nur noch vere­inzelt gebraucht. Alain Girard ist es gelun­gen, nach jahre­langer Recherc­hear­beit eine umfan­gre­iche Samm­lung von Mate­ri­alien und Doku­menten vorzule­gen (darunter auch sehr schöne Fotos), die die Geschichte des Aerophors lebendig wer­den lässt und ein wenig bekan­ntes Kapi­tel der Musikgeschichte erhellt. Die Pub­lika­tion, die sich struk­turell an den Sta­tio­nen der Alpensin­fonie ori­en­tiert, ist sorgfältig erstellt und liegt zweis­prachig auf Deutsch und Englisch vor; die franzö­sis­che Orig­i­nal­fas­sung kann per Mail ange­fordert wer­den.
Auch wenn der Aerophor aus heutiger Sicht vielle­icht nur als eine his­torische Kuriosität erscheint, bleibt die Lek­türe der Doku­men­ta­tion sehr span­nend – nicht nur für Spiel­er von Blasin­stru­menten.