Adrianne Pieczonka

Werke von Richard Wagner (Tannhäuser, Die Walküre, Lohengrin) und Richard Strauss (Ariadne auf Naxos, Arabella, Capriccio)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Orfeo C 665061 A
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 93

An Wag­n­er schei­den sich bekan­ntlich gerne die Geis­ter; die Diskus­sion um seine musikalis­che Kun­st sollte hier freilich nur auf die viel besproch­ene „Ästhetik des Wag­n­er-Gesangs“ (Jür­gen Kest­ing) angewen­det wer­den. Von dem stimm­lichen und musikalis­chen Poten­zial der ger­ade frisch in Bayreuth als Sieglinde in Wag­n­ers Walküre gekrön­ten Adri­anne Piec­zon­ka kann sich nun auch der aufmerk­same CD-Hör­er ein eigenes Bild machen; die kanadis­che Sopranistin ver­spricht in der Auf­nahme von Wag­n­er- und Strauss-Par­tien zusam­men mit dem Münch­n­er Rund­funko­rch­ester unter der Leitung von Ulf Schirmer viel.
Sogle­ich fasziniert der unge­heure Reich­tum in der Stimme, ent­flammt Piec­zon­ka in „Dich teure Halle grüߒ ich wieder“ musikalis­che Funken­schauer mit zugle­ich beein­druck­ender Leichtigkeit und tief durch­schim­mern­der drama­tis­ch­er Emphase. Doch schon hier fällt im Zwies­palt zwis­chen unsan­glich har­ter deutsch­er Sprache und dem bewusst ital­ienis­chen stimm­lichen Angang der Sopranistin auf, dass Piec­zon­ka ihre Stimme aus der Fülle des Wohllauts nicht immer klar zu führen scheint.
Ihre Wagner’sche Bel­can­to-Adap­tion zeigt z.B. in Ton­rep­e­ti­tio­nen nicht immer schlüs­sige Por­ta­men­ti, die Lin­ien­führung ist bisweilen durch einen feinen Hang zum nicht kom­poniert Chro­ma­tis­chen ein wenig unklar bzw. durch das nicht immer glück­liche mes­sa di voce irri­tierend. Fast fürchtet man ein Aus­brechen der Stimme. Dieses unterbleibt jedoch zum Glück. In „Allmächt’ge Jungfrau, hör’ mein Fle­hen“ (Tannhäuser) führt sie ihre große Stimme wand­lungs­fähiger vor: In fein­er Ver­we­bung mit dem bril­lant musizieren­den Münch­n­er Rund­funko­rch­ester gelingt trotz der auch hier anklin­gen­den oben genan­nten grund­sät­zlichen Kri­tikpunk­te ein musikalis­ches Klein­od. „Der Män­ner Sippe“ (Die Walküre) gerät zum Faszi­nosum und überzeugt endgültig durch das enorme Poten­zial dieser großar­ti­gen Kün­st­lerin. Mit Auszü­gen aus Strauss’ Ari­adne, Ara­bel­la und Capric­cio betritt Piec­zon­ka mit dem auch hier zwar ver­siert, aber im Ver­gle­ich zu Wag­n­er nicht so fein­far­big musizieren­den Orch­ester ein anderes musikalis­ches Feld, in dem sie mit schlanker geführter Stimme eben­so überzeu­gend zu Hause ist. Ihrem Umgang mit der Sprache zu lauschen, ist über­wiegend eine Freude; eine leichte Nei­gung zum Nach­drück­en oder die eine oder andere etwas zu schwere End­silbe kön­nen den Hör­genuss kaum beein­trächti­gen.
Ins­ge­samt ent­führt Adri­anne Piec­zon­ka mit dieser CD trotz klein­er Schwächen in die faszinierende Welt ihrer vollen, sehr reichen und äußerst musikalisch geführten Stimme.
Christi­na Humenberger