Jarrett, Keith

Adagio für Oboe und Streichorchester

Klavierauszug von Tomasz Trzcinski

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2008
erschienen in: das Orchester 04/2009 , Seite 62

Die Impro­vi­sa­tio­nen von Kei­th Jar­rett sind Kult. Das markante weiße Cov­er des Köln Con­cert gehörte in den Siebzigern zum unverzicht­baren Bestandteil viel­er Haushalte und hat eine ganze Gen­er­a­tion geprägt. Nicht ganz diesen Bekan­ntheits­grad erre­icht­en die anderen Impro­vi­sa­tio­nen (z.B. Vien­na Con­cert) oder gar die mit seinem Jazz-Trio bzw. ‑Quar­tett einge­spiel­ten Stan­dards. Auch Aus­flüge in das klas­sis­che Klavier­reper­toire oder auf andere Tas­tenin­stru­mente unter­nahm der große Aus­nah­mekün­stler bisweilen und polar­isierte damit stets die Kri­tik – so bei Bachs Gold­berg-Vari­a­tio­nen auf dem Cem­ba­lo.
Dass Kei­th Jar­rett auch als Kom­pon­ist dur­chaus ernst zu nehmen ist, geht in dieser über­raschen­den Viel­seit­igkeit meist unter. Der Siebzehn­jährige kom­ponierte bere­its ein zweistündi­ges Klavierkonz­ert. Andere Kom­po­si­tio­nen – teils Orchester‑, teils Kam­mer­musik – wur­den zwar zu Beginn der 1990er Jahre bei ECM einge­spielt, sind in Europa jedoch gän­zlich unbekan­nt. Bei Schott ist jet­zt das 1984 ent­standene Ada­gio für Oboe und Stre­i­chorch­ester erschienen.
Wer gefäl­lige Jaz­zk­länge erwartet, wird ent­täuscht sein, denn die etwa zehn­minütige Kom­po­si­tion ist von tiefem kom­pos­i­torischen Ernst. In lan­gen Melo­di­en entwick­elt sich die Oboen­stimme über einem dun­klen Orch­estertep­pich. Die Tonal­ität schwankt zwis­chen weni­gen freien Pas­sagen und mit Septen, Nonen, Undez­i­men etc. angere­icherten Dur- bzw. über­wiegend Moll-Akko­r­den. Und natür­lich mis­cht sich rhyth­misch auch die ein oder andere Jaz­zpas­sage darunter.
Einen großen Span­nungs­bo­gen mit einem geziel­ten Kul­mi­na­tion­spunkt hat das Ada­gio nicht. Mehrere langsame und frei zu gestal­tende Teile rei­hen sich aneinan­der, die durch ver­schiedene Bewe­gun­gen gekennze­ich­net sind. Ist der Beginn düster las­tend, so erscheinen später in den Stre­ich­ern Sechzehn­tel über einem rhyth­misch immer wieder belebten Orgelpunkt. Eine sehr frei fugierte Pas­sage schließt sich an, bevor das Ganze nach knapp 170 Tak­ten ruhig und melan­cholisch endet.
Die Orch­esterzwis­chen­spiele geben immer wieder Raum zum Entspan­nen. Der Ton­um­fang des Oboen­parts ist recht ger­ing (h bis h2) und gekennze­ich­net von lan­gen, lega­to zu spie­len­den Melo­di­en. Die Schwierigkeit­en liegen eher in der ton­lich adäquat­en Gestal­tung als in der Vir­tu­osität, denn die weni­gen Sechzehn­tel – im langsamen Tem­po – liegen grifftech­nisch sehr bequem.
Der Klavier­auszug erfordert große Hände, bietet aber anson­sten tech­nisch wenig Schwierigkeit­en. Auch hier ist die klan­gliche und ins­beson­dere die dynamis­che Gestal­tung die eigentliche Her­aus­forderung. Die Par­ti­tur und die Stim­men der Fas­sung für Stre­i­chorch­ester sind lei­h­weise erhältlich.
Marie-Theres Justus-Roth