Lachenmann, Helmut

Accanto/Consolation I/Kontrakadenz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6738 2
erschienen in: das Orchester 05/2011 , Seite 76

Die Wiederveröf­fentlichung dieser zuerst 1985 erschiene­nen CD ist gle­ich ein zweifach­es Geschenk: Zum einen ehrt sie den Geburt­stag des Kom­pon­is­ten mit großar­tig einge­spiel­ten Auf­nah­men, zum anderen ist sie eine grandiose Gabe für alle Fre­unde der Neuen Musik. Doch ist dies keine CD zum entspan­nten Durch­hören. Auch heute noch geht diese Musik aufs Ganze und fordert die volle Aufmerk­samkeit des Hör­ers, der dafür aber reich­lich mit musikalis­chen Ein­drück­en und Ein­blick­en belohnt wird.
Accan­to (1975/76) steigert sich von einzel­nen, wie zufäl­lig gestreut wirk­enden Tönen über viele Entwick­lun­gen zum kollek­tiv­en Höhep­unkt. Die deut­liche for­male Anlage, die Vielschichtigkeit und der Ideen­re­ich­tum, dezent ver­steckt im pseu­do­freien Treiben, und der ele­gante Humor, der sich in der einen oder anderen Pas­sage zeigt, wer­den in dieser Ein­spielung von 1977 zur homo­ge­nen Delikatesse. Klar­inet­tist Eduard Brun­ner und das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Saar­brück­en (unter Heinz Zen­der) spie­len mit fast allen erden­klichen Klang­möglichkeit­en und Effek­ten, tre­f­fen die Musik auf den Punkt und verblüf­fen immer wieder mit ein paar kon­ven­tionell gespiel­ten Tönen. Die brin­gen, da sie hier schlicht rar sind, schein­bar eine ganz neue Klanger­fahrung. In der Mitte irgend­wann ertö­nen dann die weni­gen orig­i­nal belasse­nen Tak­te aus Mozarts Klar­inet­tenkonz­ert: neu und sehr rein klingt es, und Brun­ner jubelt es nur so aus dem Instru­ment. Gegen Ende tropft die Musik wieder weg, löst sich auf und nur ein Schat­ten von Klän­gen bleibt übrig.
Con­so­la­tion I (1967) für zwölf Stim­men (schola can­to­rum stuttgart) und vier Schlagzeuger zeigt sich von Beginn an bewegt, fast hek­tisch. Tolle solis­tis­che Sänger zaubern hier Geräusche und Klänge, die auch heute noch unter die Haut gehen. Die Schlagzeuge sor­gen mit vie­len ver­schiede­nen Instru­menten für noch weit­ere Klang­far­ben. So entste­ht ein wohlge­ord­netes Wirrwarr, das jedoch ohne sehr fundiertes tech­nis­ches Kön­nen unmöglich auszuführen ist. Unter allem liegt ein Text Ernst Tollers, ent­fremdet und zer­stück­elt, hochdrama­tisch und tief gehend auch als kryp­tisch unver­ständliche Sprach­brock­en.
Ein Spiel mit Klän­gen ist auch Kon­trakadenz (1970/71) für großes Orch­ester. Ein paar Mal blitzt auch hier ganz der kon­ven­tionelle sin­fonis­che Wohlk­lang durch (dem Radio-Sin­fonierorch­ester Stuttgart des SWR unter Michael Gie­len gelin­gen diese klitzek­leinen Pas­sagen sehr schön) und so schafft Lachen­mann wieder harte Kon­traste: Genau hin­hören und hin­ter die Welt der schö­nen Töne blick­en soll der Hör­er dadurch. Eine Sprech­er­stimme kündigt, wieder frag­men­tarisch, das Werk an, und so verdeut­licht sich ein Ein­druck von Zufäl­ligkeit, vom lau­ni­gen Spiel mit dem Drehkopf eines analo­gen Radi­ogeräts – um dann wieder in klar struk­turi­erte, ziem­lich anstren­gende Unklan­glichkeit zu mün­den. Genial aus­bal­anciert.
Heike Eick­hoff