Komma, Karl Michael

Abendphantasie / Metamorphosen

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Antes BM-CD 31.9219
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 83

„Aus dem Kom­ma wird ein Rufze­ichen wer­den“ – diese Prophetie galt dem jun­gen Kom­pon­is­ten Karl Michael Kom­ma, der sich zeitweilig mehr auf die Seite der Musik­forschung schlug, die man heute eher mit seinem Namen verbindet. Am Heili­ga­bend 1913 in dem böh­mis­chen Städtchen Asch geboren – eben dem Ort, den Schu­mann in seinem Klavierzyk­lus Car­naval als Ana­gramm zitiert (Geburt­sort sein­er ersten Ver­lobten Ernes­tine von Frick­en) –, studierte Kom­ma Musik­wis­senschaft in Prag und Hei­del­berg (Pro­mo­tion bei Hein­rich Bessel­er), wo er auch Kom­po­si­tion­sstu­di­en trieb. Nach Krieg und Vertrei­bung wurde er Dozent, später Pro­fes­sor für Musikgeschichte, Ton­satz und Kom­po­si­tion an der Musikhochschule Stuttgart. Als Musikhis­torik­er blieb eines sein­er Haupt­the­men das böh­mis­che Musikan­ten­tum. Daneben beschäftigten ihn das Glo­gauer Lieder­buch, Mozart, Schu­bert, Brahms und Dvorák. Als Her­aus­ge­ber wid­mete er sich Grup­penkonz­erten der Bach-Zeit, Beethovens Klavier­son­ate As-Dur op. 110 sowie Liedern und Gesän­gen nach Dich­tun­gen von Friedrich Hölder­lin. Hölder­lin blieb auch eine Kon­stante seines Kom­ponierens, das sich wesentlich an Paul Hin­demith und Bela Bartók ori­en­tierte.
1954 nahm Kom­ma seinen Wohn­sitz in Reut­lin­gen. Dort grün­dete er u.a. die Rei­he „Musi­ca nova“, förderte die kom­mu­nale Musikschule und bewegte das Kura­to­ri­um des Schwäbis­chen Sym­phonieorch­esters, heute Würt­tem­ber­gis­che Phil­har­monie Reut­lin­gen. Klar, dass zum 80. und 90. (!) Geburt­stag je ein neues Werk für das ein­heimis­che Orch­ester fäl­lig war: 1993 eine Abend­phan­tasie für großes Orch­ester, 2003 ein Konz­ert für Orch­ester mit dem Haupt­ti­tel Meta­mor­pho­sen, der an das gle­ich­namige Spätwerk von Richard Strauss erin­nert.
Hölder­lin-Ken­ner ver­muten richtig: Die Abend­phan­tasie bezieht sich auf das Gedicht, das man früher für die Schule (mithin fürs Leben) auswendig lernte. Der „Frieden­sruhe“ der Rah­men­stro­phen entsprechend begin­nt und endet die Orch­ester-Fan­tasie mit einem Andante tran­quil­lo. Doch hat Kom­ma nicht den ton­ma­lerischen Ehrgeiz eines Richard Strauss. Kom­ma ist kein Illus­tra­tor. Eher gibt er sich dem Strom der „Anmu­tun­gen“ hin, die das lyrische Ich bewe­gen. Der Hör­er fol­gt den musikalis­chen Assozi­a­tio­nen, die Hölder­lins Verse in dem Kom­pon­is­ten auf­steigen lassen. Dazu gehört die Fried­fer­tigkeit der Abend­stunde, bevor im Wan­der­er die Unruhe der mit­tleren Stro­phen her­vor­bricht: vom „geschäfti­gen Lärm“ des Mark­ts und bis zum Stachel in der Brust: „Wohin denn ich?“ Ein Aus­ruf, den man in der Musik deut­lich zu vernehmen glaubt – eben­so wie das Wech­sel­spiel der Jam­ben und Trochäen, den stel­len­weise stock­enden Rhyth­mus der Dak­tylen.
Kom­mas Meis­ter­schaft im Umgang mit dem Orch­ester und seinem Far­ben­reser­voir zeigt sich nicht nur in den Stim­mungs­bildern und Gefühlsepiso­den der Abend­phan­tasie, son­dern beson­ders auch in den fün­fteili­gen Meta­mor­pho­sen, deren Tem­po und Charak­ter sich von Satz zu Satz ändern – bei vielfältigem Wech­sel von Tut­ti und Solo­grup­pen. Der Kom­pon­ist selb­st machte darauf aufmerk­sam, das Klang­far­ben­spiel sei ihm oft wichtiger gewe­sen als „the­ma­tis­che Prä­gun­gen“. Was ein dialek­tis­ches Spiel mit den ästhetis­chen Grund­prinzip­i­en „Alles aus einem“ und „Ein­heit in der Vielfalt“ ja nicht auss­chließt.
Übri­gens klingt die Würt­tem­ber­gis­che Phil­har­monie ganz aus­geze­ich­net. Mit wie viel Liebe, Respekt und Kön­ner­schaft sie sich – 1993 unter Rober­to Pater­nos­tro, 2003 unter Norichi­ka Iimori – des „böh­mis­chen Musikan­ten“, gewitzten Kon­tra­punk­tik­ers, Klangerzäh­lers und Far­benkün­stlers annimmt! Der wiederum ver­schaffte dem Orch­ester eine wun­der­bare Gele­gen­heit, ein gewin­nen­des Selb­st­porträt abzuliefern.
Lutz Lesle