Sallinen, Aulis

A Solemn Overture (King Lear) op. 75/Symphony Nr. 1 op. 24/Chorali/Symphony Nr. 7 op. 71 “The Dreams of Gandalf”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 999 918-2
erschienen in: das Orchester 11/2004 , Seite 88

Eino­juhani Rautavaara und Aulis Salli­nen sind die großen alten Män­ner der finnis­chen Musik. Salli­nen wurde 1935 an der Nord­seite des Lado­ga-Sees geboren, nicht weit von dem ortho­dox­en Inselk­loster, das dem Knaben Rautavaara zum musikalis­chen Erweck­ungser­leb­nis wurde. Durch den rus­sisch-finnis­chen Friedensver­trag von der Heimat getren­nt, nahm Salli­nen in den 50er Jahren bei den bedeu­ten­den Kom­pon­is­ten­mach­ern Aarre Merikan­to und Joonas Kokko­nen in Helsin­ki ein Kom­po­si­tion­sstudi­um an der Sibelius-Akademie auf. Nach eini­gen Unter­richt­s­jahren ver­schrieb er sich ganz und gar der Kom­po­si­tion. Als inter­na­tion­al geachteter Sin­foniker (acht Sin­fonien) und Erfol­gsautor des Musik­the­aters (sechs Opern bis­lang) zählt Salli­nen heute zu den Gal­lions­fig­uren der skan­di­navis­chen Musikszene.
Die hier einge­spiel­ten Orch­ester­w­erke teilen sich in zwei frühe und zwei späte. Chorali und 1. Sin­fonie ent­standen Anfang der 70er Jahre, die 7. Sin­fonie Gan­dalfs Träume und Eine fes­tliche Ouvertüre in der zweit­en Hälfte der 90er. Mit den Erst­ge­nan­nten wagte sich Salli­nen nach seriellen Pro­beläufen in den Sper­rgür­tel der mod­ernistisch-intol­er­an­ten Stil­wächter, die ihn prompt zum Renegat­en stem­pel­ten. Heute, da die Aufre­gung von damals ein­er gelasse­nen Betra­ch­tung gewichen ist, tritt die eigen­tüm­liche Schön­heit der Chorali, in denen Salli­nen den Keim zu sein­er (von ihm so genan­nten) Mosaik­tech­nik legte, eben­so unver­stellt her­vor wie die veg­e­ta­tiv sich fortzeu­gende „Zel­lkul­tur“ in sein­er 1972 zur Eröff­nung der Fin­lan­dia-Halle kom­ponierten Sin­fo­nia. Einem Wun­sch des dama­li­gen Chefs des finnis­chen Radios­in­fonieorch­esters fol­gend, beschäftigt diese erste Sym­phonie nur Bläs­er und Schlagzeuger, Harfe und Celes­ta (also keine Streicher).
In der Kun­st, aus the­ma­tis­chen Zellen qua Meta­mor­phose hor­i­zon­tweite Klang­land­schaften zu gewin­nen, in seinen schlanken, klar kon­turi­erten Orch­ester­far­ben und sein­er Nei­gung zu Orgelpunk­ten deutet sich das Geis­te­serbe des finnis­chen Nation­al­ro­man­tik­ers Sibelius an (auch wenn er es gar nicht so gern hört). 
Der Unter­ti­tel der 7. Sin­fonie weist auf die berühmte Fig­ur aus Tolkiens Herr der Ringe. Ursprünglich hat­te Salli­nen ein Hob­bit-Bal­lett im Sinn – ein Pro­jekt, das aus Copy­right-Grün­den scheit­erte. Sein hier­für gesam­meltes Mate­r­i­al reichte für eine 25-minütige sin­fonis­che Par­ti­tur. Sie gibt keine Ereigniss­childerun­gen, son­dern spürt der mythisch-poet­is­chen Sphäre des sagen­haften Fan­tasiere­ichs mit seinen men­schenähn­lichen Bewohn­ern nach. Auch die Fes­tliche Ouvertüre zehrt von einem anderen Werk­plan, wie der Klam­merzusatz ver­rät: Sie beruht auf motivis­chen Zen­tren, die sich der Kom­pon­ist für seine Oper König Lear (UA Helsin­ki 2000) zurecht­geschnit­ten hatte. 
Die Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz aus Lud­wigshafen am Rhein gibt sich unter ihrem finnis­chen Chefdiri­gen­ten Ari Rasi­lainen mit gläu­bigem Eifer und hoher kün­st­lerisch­er Potenz der zunehmend mediter­ran anmu­ten­den Klang­welt des Finnen hin, der den Süden Frankre­ichs zu sein­er Wahlheimat erkor.
Lutz Lesle