Mendelssohn Bartholdy, Felix

A Midsummer Night’s Dream — Ouvertüre op. 21 / Sinfonie-Kantate “Lobgesang” op. 52

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Decca 475 6939
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 83

Siebzehn Jahre hat­te Ric­car­do Chail­ly in Ams­ter­dam mit dem Koniklijk Con­cert­ge­bouw Ork­est gear­beit­et, im ver­gan­genen Jahr wech­selte er nach Leipzig in die Posi­tion des Gewand­haus-Kapellmeis­ters, die nach fast vier Jahrzehn­ten erst­mals auch wieder die Funk­tion des GMD der Leipziger Oper ein­schließt. Als Antrittskonz­ert im Gewand­haus hat­te Chail­ly Mendelssohns „Lobge­sang“, die Sin­fonie-Kan­tate B‑Dur op. 52 gewählt. Er hat­te sich dabei für die erste Fas­sung des Werks entsch­ieden, die Mendelssohn am 25. Juni 1840 in der Leipziger Thomaskirche aus Anlass der Vier­hun­dert­jahrfeier der Erfind­ung der Buch­druck­erkun­st aufge­führt hat­te. Schon bald danach hat­te Mendelssohn die Kom­po­si­tion ein­er einge­hen­den Revi­sion unter­zo­gen.
Der Früh­fas­sung fehlen noch einige solis­tis­che Ein­schübe (so etwa die Tenor­soli „Er zäh­let uns’re Trä­nen“ und „Wir riefen in der Fin­ster­n­is“), und die Stimm­führung in den drei ein­lei­t­en­den Orch­ester- sowie den nach­fol­gen­den Chor- und Solosätzen unter­schei­det sich bisweilen nicht uner­he­blich von der let­zt­gülti­gen Ver­sion.
Ric­car­do Chail­ly ver­mag mit dem ihm flex­i­bel und ton­schön fol­gen­den Leipziger Gewand­hau­sor­ch­ester die Eigen­typik der musikalis­chen Charak­tere von Mendelssohns Sin­fonie-Kan­tate klar und deut­lich her­auszuar­beit­en und hier­aus ein span­nungsvolles, an Kon­turen reich­es, jedoch geschmei­dig aus­for­muliertes Pro­fil zu mod­el­lieren. Aus­ge­sprochen organ­isch weiß er in dieser Hin­sicht beispiel­sweise den instru­men­tal­en Choral im zweit­en Satz (Alle­gret­to un poco agi­ta­to) einzu­bet­ten. Den drit­ten Satz der dem vokalen Teil vor­angestell­ten Orch­esterein­leitung (Ada­gio reli­gioso) nimmt er im Tem­po recht bre­it und erre­icht dadurch eine klangsat­te Wärme; den­noch kann er den Satz recht trans­par­ent hal­ten und die instru­men­tal­en Fig­u­ra­tio­nen lebendig ausleucht­en.
Über­haupt gelingt es ihm, mit der Orch­esterein­leitung wirk­lich auf den Vokalteil hinzuführen und Chor und Vokalsolis­ten als Aufgipfelung eines Entwick­lung­sprozess­es zu ver­ste­hen. Die bei­den für diese Auf­nahme zusam­menge­führten Chöre sin­gen straff, aber mitunter auch etwas steif. Und Chail­ly ver­langt vom Chor wahrlich eine kon­trastre­iche Aus­druck­sze­ich­nung, wenn er etwa direkt auf die tri­umphale Geste des Chors „Die Nacht ist ver­gan­gen“ einen lamm­from­men, fast schüchtern artikulierten Choral „Nun dan­ket alle Gott“ fol­gen lässt. Was die Vokalsolis­ten ange­ht, wis­sen sich die bei­den Soprane im Duett „Ich har­rete des Her­rn“ in lin­earem Duk­tus schmiegsam miteinan­der zu verbinden. Der Tenor allerd­ings kann seine opern­haften Unarten des Ver­schmierens der Inter­valle lei­der nicht genü­gend unter­drück­en.
In der Som­mer­nacht­straum-Ouvertüre sucht und find­et Chail­ly ein reich­es Spek­trum an Aus­drucks­gestal­ten, deren feinst auszise­liertes Gespinst er wie deren drän­gende Zugkraft in ein­er lebendi­gen Bal­ance hal­ten kann.
Thomas Bopp