Vivaldi, Antonio

6 concerti op. 10

Rubrik: CDs
Verlag/Label: VDE-Gallo 1160
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 83

Die sechs Flötenkonz­erte op. 10 von Anto­nio Vival­di gehören zu den meist­ge­spiel­ten Konz­erten der vir­tu­osen Flöten­lit­er­atur. So nimmt es ein­er­seits nicht Wun­der, wenn eine Flöten­vir­tu­osin wie Sefi­ka Kut­luer auch ihren Beitrag zu den ver­füg­baren Auf­nah­men leis­ten möchte, ander­er­seits wun­dert man sich doch ein wenig, so man in die CD genauer hinein­hört. Gle­ich zu Beginn stellt sich die auf­führung­stech­nisch span­nende Frage, aus welchem Holz die hier zu hörende Flöte geschnitzt ist. Johannes-Ham­mig-Flöten lassen ger­ade diese warme, volle Klangfär­bung zu; allerd­ings lässt sich trotz des Hin­weis­es auf den Her­steller des gespiel­ten Instru­ments dessen Mate­r­i­al nicht erse­hen. Es bleibt der Klangein­druck. Die im Book­let abge­bilde­ten Fotos ander­er Ein­spielun­gen zeigen allerd­ings eine Met­all­flöte.
Zu der zunächst stark holzi­gen Fär­bung des Soloin­stru­ments gesellt sich weich und schwebend der Ensem­bleklang des Orch­esters hinzu: Mit­glieder der Berlin­er Phil­har­moniker musizieren unter der Leitung von Rain­er Sonne den barock­en Kon­ver­sa­tion­spart. Und spätestens hier begin­nt man, die weich fließende Auf­nahme, die so angenehm unauf­dringlich dahin­perlt, etwas kri­tis­ch­er zu hören: Sefi­ka Kut­luer artikuliert fein, dif­feren­ziert sehr frag­il, überzeugt durch tech­nis­che Bril­lanz und erfreut durch einen gewis­sen Live-Charak­ter. Die flö­ten­typ­is­chen, reichen Klangfär­bun­gen und ein etwas luftiges Vibra­to erzeu­gen einen unster­ilen Klang, der wohltuend „ehrlich“ musiziert doch von großer Per­fek­tion zeugt.
In den schnellen Sätzen, die geschmack­voll tem­periert sind und spritzig aus dem Laut­sprech­er wirbeln, fasziniert vor allem die sehr präzise tech­nis­che Durch­dringung der musikalis­chen Fak­tur. Die langsamen Sätze lassen mit feinem musikalis­chen Gespür und nicht zu großer Geste unpa­thetis­che Klein­ode entste­hen, in denen auch das wie aus einem Guss beglei­t­ende Orch­ester phasen­weise in den Dia­log mit der bril­lanten Solistin tritt. Allein – diese Phasen wün­schte man sich häu­figer. So ist es auch vor allem der Orch­ester­part, der dif­feren­ziert­er aus­mu­siziert wer­den kön­nte.
Zwar überzeu­gen die Musik­er durch einen aus­ge­sprochen homo­ge­nen Klang, aber auch Vivald­is Flötenkonz­erte bedür­fen bin­nen­dif­feren­ziert­er Abschat­tierun­gen. Der große, weiche, vieles ver­wis­chende Pin­sel gut gemein­ten Halls, die etwas zu stereo­type Akzentset­zung bzw. entsprechende Akzentver­mei­dung trägt nicht unbe­d­ingt zu einem atem­ber­aubend neuen Klanger­leb­nis bei. Zwar erk­lären die Musik­er nicht, dass sie hin­sichtlich der his­torischen Auf­führung­sprax­is exem­plar­isch arbeit­en möcht­en, aber ein wenig mehr Gespür für barocke Tra­di­tio­nen wäre doch wün­schenswert gewe­sen.
So dominiert oft der Spieluhraspekt barock­er „Meter­ware“. Das ist schade, stellen die faszinierend vir­tu­os musizierten Flötenkonz­erte doch wirk­liche Kabi­nettstückchen dar, deren Schön­heit zwar auch in dieser Ein­spielung zum Tra­gen kommt, aber lei­der ins­ge­samt zu sehr an ein­er etwas seicht­en Ober­fläche bleibt.
Christi­na Humenberger