4 Strings Only

A Recital for Solo Violin. Werke von Bach, Ben-Haim, Berio, Bloch

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Avie
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 81

Ein Pro­gramm für Vio­line solo ist immer eine beson­dere Her­aus­forderung, für den Inter­pre­ten wie auch für den Hör­er. Es ver­langt nach ein­er beson­deren Konzen­tra­tion und Hingabe auf bei­den Seit­en. Der isolierte Stre­icherk­lang bedeutet eine Reduzierung und Fokussierung zugle­ich, er bindet das Ohr unnachgiebig, es kann nir­gend­wohin auswe­ichen. Neben der musikalis­chen Aus­sage kommt der For­mung des Klangs wie auch der Ton­qual­ität des Instru­ments selb­st eine große Bedeu­tung zu.
Werke für Vio­line solo sind oft sehr spez­i­fis­ches Reper­toire, das von Geigern für die Geige geschrieben und gewis­ser­maßen für das Instru­ment „maßgeschnei­dert“ wurde. Muster­beispiel sind die 24 Capri­cen von Nicolò Pagani­ni, die beson­ders den Vir­tu­osen fordern. Bei Bachs Sonat­en und Par­titen tritt dieser Aspekt tech­nis­ch­er Pro­fil­ierung zurück hin­ter die Verdeut­lichung von Form und Struk­tur.
Her­wig Zack, der seine Aus­bil­dung u.a. bei Edith Peine­mann und Max Ros­tal erhielt und seit 1994 als Vio­lin­pro­fes­sor an der Musikhochschule in Würzburg lehrt, wid­met sich mit Hingabe Solo­pro­gram­men,
deren Werke sich beziehungsre­ich verknüpfen lassen, quer durch die Jahrhun­derte und Stile­pochen. Nach sein­er CD Essen­tials mit Kom­po­si­tio­nen von Bach, Bartók, Kreisler, Skalkot­tas und Ysaye (Avie AV2155) stellt er mit 4 Strings Only ein weit­eres Solorecital vor, das einen Bogen span­nt von Johann Sebas­t­ian Bachs Sonate Nr. 2 BWV 1003, den Solo­suit­en Nr. 1 und Nr. 2 von Ernest Bloch (1958), der G‑Dur-Solosonate von Paul Ben-Haim (1951) bis hin zu Sequen­za VIII per vio­li­no solo von Luciano Berio (1976).
Zack gibt dem Hör­er in einem unge­wohnt umfan­gre­ichen und infor­ma­tiv­en Begleit­text Hil­festel­lun­gen, die es erle­ichtern, Querverbindun­gen zwis­chen den Kom­po­si­tio­nen zu ent­deck­en und nachzu­vol­lziehen. Wie kön­nte es anders sein, ist Bach Aus­gangspunkt dieser Betra­ch­tun­gen, bee­in­flussten seine Solosonat­en und ‑par­titen doch irgend­wie die meis­ten späteren Ver­suche, auf hohem Niveau für Solovi­o­line zu kom­ponieren. Zack weist auf „Verbindungslin­ien“ zwis­chen den Werken hin. Das kön­nen Tonarten, Zen­traltöne oder Form­prinzip­i­en sein, aber auch gemein­same Wid­mungsträger wie Yehu­di Menuhin, für den Bloch und Ben-Haim ihre Solosonat­en schrieben. Her­wig Zack gestal­tet ton­schön und klar, sein Bach klingt „tra­di­tionell“ und ist dabei deut­lich struk­turi­ert, Berios Sequen­za VIII erscheint dynamisch vielgestaltig dif­feren­ziert.
Eine sehr spezielle und lehrre­iche, handw­erk­lich sauber und solide real­isierte Ein­spielung, die wohl mehrfach­es Hören erfordert. Denn nur so kann man auch den mehr verdeck­ten und nicht sofort her­aushör­baren Beziehun­gen zwis­chen den einzel­nen Kom­po­si­tio­nen auf die Spur kom­men.
Nor­bert Hornig