Penderecki, Krzysztof

3. Sinfonie für Orchester (1988–95)

Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2008
erschienen in: das Orchester 10/2008 , Seite 60

Im Noten­bild dieser Par­ti­tur erin­nert nichts mehr an den avant­gardis­tis­chen Auf­bruch Krzysztof Pen­dereck­is. Keine neuen Zeichen für Clus­ter und Glis­san­di, für Klangflächen und Tremolobän­der, für extreme Ton­höhen und Geräuschef­fek­te, keine aleatorischen Felder. Die Beset­zung bleibt ohne Schreib­mas­chine, Trillerpfeife und Sirene im üblichen Rah­men; nur eine Basstrompete und die umfan­gre­iche Schlagzeug­bat­terie mit neun Spiel­ern fall­en als Beson­der­heit auf. Nicht mehr Mate­ri­alerkun­dung, son­dern der dra­matur­gisch gezielte, auf kon­trastvolle Wirkung bedachte Ein­satz der Mit­tel ist Pen­dereck­is Ziel – schon seit der 2. Sin­fonie (1980), erst recht zu Beginn der 1990er Jahre. Jede sein­er acht Sin­fonien zeigt diese Vari­abil­ität der For­men, Mit­tel und Stile. Ins­ge­samt vol­lziehen sie eine Annäherung an die großen Werke Bruck­n­ers, Mahlers und Wag­n­ers und machen zulet­zt auch mit dem Wort das Bedürf­nis zu exis­ten­zieller Aus­sage und Botschaft deut­lich.
Vor allem die Sin­fonien 3 bis 5 prägten den stilis­tis­chen Plu­ral­is­mus aus, wobei dessen Syn­the­sen der Drit­ten eine beson­dere Indi­vid­u­al­ität ver­lei­hen. Der explo­sive Bläser­höhep­unkt der Pas­sacaglia, auch die 14-tak­tige Schlagzeug-Sek­tion und das tumul­tar­tige Tut­ti gegen Ende des Alle­gro con molto brin­gen die klan­glichen „Urge­wal­ten“ Pen­dereck­is wieder zurück. Und wenn die Dra­matik, die akzen­tu­ierte Rhyth­mik und die drän­gende Dynamik den Bezug zur Oper Die schwarze Maske (1986) beto­nen, so weisen die aus­gedehn­ten, markan­ten Solo-Par­tien für einzelne Instru­mente und Orch­ester­grup­pen dem Werk auch den Charak­ter eines Orch­esterkonz­erts zu. Let­zteres hat seinen Grund: Die 3. Sin­fonie war als Auf­tragswerk zum 50. Beste­hen des Fest­spielorch­esters Luzern geplant. Allerd­ings gelangte am 20. August 1988 unter Pen­dereck­is Leitung nur eine Pas­sacaglia für Orch­ester (samt Ron­do) zur Urauf­führung – mehr hat­te der Kom­pon­ist nicht fer­tig stellen kön­nen.
Die Pre­miere der kom­plet­ten 3. Sin­fonie, nun ein Auf­trag der Münch­n­er Phil­har­moniker, erfol­gte erst am 8. Dezem­ber 1995, wiederum mit Pen­derec­ki am Pult. Das vehe­mente und vir­tu­ose, mit vie­len konz­er­tan­ten Episo­den durch­set­zte und den abgründi­gen Ton­fall der Schwarzen Maske auf­greifende Ron­do sowie die Pas­sacaglia, die über dem las­ten­den Osti­na­to von Cel­li und Bässen das dis­so­nante Klang­ma­te­r­i­al der Bläs­er unen­twegt vari­iert und verdichtet, umrah­men hier ein Ada­gio. Als Zen­trum der fün­f­sätzi­gen Form hat es die läng­ste Dauer. Visio­nen, Rem­i­niszen­zen, Auf­begehren und – vor der Rück­kehr des Beginns – trauer­marschar­tige Züge find­en im inten­siv­en Melos ihren Aus­druck. Der Orgelpunkt des ersten Satzes Andante löst einen allmäh­lichen Span­nungsauf­bau aus, der sich nach den Gipfeltö­nen der hohen Stre­ich­er umkehrt; das Scher­zo-Finale, mit zwei Trios, strahlt Düster­n­is, Wild­heit, Bedro­hung aus; die Coda aber endet kraftvoll mit dem Ein­gangston f der Sin­fonie. Deren Druck­le­gung nach 20 Jahren würdigt Krzysztof Pen­dereck­is 75. Geburt­stag im Novem­ber 2008.
Eber­hard Kneipel