Schumann, Robert

3 Quartette für 2 Violinen, Viola und Violoncello op. 41

Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2006
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 83

Düs­sel­dorf stand 2006 im Mit­telpunkt eines großen Schu­man­n­fests. Zum 150. Todestag des Kom­pon­is­ten erg­ing an Arib­ert Reimann, der im ver­gan­genen Jahr selb­st seinen 70. Geburt­stag feierte, der Auf­trag, ein kam­mer­musikalis­ches Werk zu kom­ponieren. Sein Ada­gio zum Gedenken an Robert Schu­mann fand am 6. Mai 2006 im Robert-Schu­mann-Saal seine Urauf­führung.
Für sein Stück wählte Reimann als Kom­po­si­tion­s­grund­lage zwei von Schu­mann wahrschein­lich 1855 in der Ner­ven­heilanstalt Endenich bei Bonn har­mon­isierte, vier­stim­mige, lei­der unvol­len­det gebliebene und nicht tex­tierte Choräle: Wenn mein Stündlein vorhan­den ist sowie Stärk uns, Mit­tler, dein sind wir. Den Text des ersten Chorals schrieb Niko­laus Her­man, die ein­stim­mige Musik mit dem typ­is­chen Quar­t­fall zu Beginn und der auf­streben­den Ton­leit­er bis zur Sexte stammt aus dem Jahr 1569. Kein Gerin­ger­er als Johann Sebas­t­ian Bach bear­beit­ete das Lied in drei ver­schiede­nen vier­stim­mi­gen Choral­fas­sun­gen BWV 428–430, die Schu­mann sicher­lich gekan­nt hat­te. Der andere Choral ist eben­falls ein Kirchen­lied, dessen Herkun­ft weit­ge­hend unbekan­nt ist und in ver­schiede­nen Samm­lun­gen und Antholo­gien vorhan­den ist.
In Arib­ert Reimanns etwa acht­minütiger Kom­po­si­tion begin­nt die Vio­la den Choral Wenn mein Stündlein mit dem charak­ter­is­tis­chen Quar­t­fall und der auf­streben­den Ton­leit­er bis zur Sexte in G‑Dur. Das Vio­lon­cel­lo deutet den Choral mit ein­er erweit­ern­den Aug­men­ta­tion lediglich an, qua­si als mit­te­lal­ter­lichen can­tus fir­mus, darüber dis­sonierend die Vio­li­nen mit einzel­nen harten Sechzehn­telein­wür­fen, bis sich die erste Vio­line, eben­falls als can­tus fir­mus, mit dem zweit­en Choral Stärk uns Mit­tler fugatisch, die Vio­la mit einem Quar­tanstieg umgekehrt imi­tierend über das Vio­lon­cel­lo legt. Dieses oszil­liert inzwis­chen in Viertel­ton­ab­stän­den, während die Vio­la die zweite Vio­line mit ihren Ein­wür­fen ver­stärkt.
Die vorgestell­ten The­menköpfe wer­den unter­brochen von gleißen­den Dis­so­nanzen und quälen­den Sechzehn­teln, reißen­den Pizzi­cati, um wieder fast gebetsmüh­le­nar­tig und unauswe­ich­lich der bei­den Choräle zu gedenken. Zum Schluss ver­liert sich die bemerkenswert dicht geschriebene und mit einem sehr langsamen Puls verse­hene Kom­po­si­tion mit dur­chaus tonalen Anklän­gen ätherisch in eine fast himm­lisch engels­gle­iche Fla­geo­lettsphäre.
Passend zu Reimanns Hom­mage an Schu­mann gibt Schott dessen drei Quar­tette für zwei Vio­li­nen, Vio­la und Vio­lon­cel­lo op. 41 aus dem Jahr 1842 neu her­aus. Schu­mann wid­mete den ein Jahr darauf getätigten Druck „seinem Fre­unde Felix Mendelssohn Bartholdy“, der jedoch zum Bedauern Schu­manns wenig Begeis­terung zeigte, sie als zu klavieris­tisch, zu wenig quar­tettmäßig und stre­icher­fre­undlich emp­fand. Bere­its 1838 hat­te Schu­mann vor, ein Stre­ichquar­tett zu kom­ponieren. Und so schrieb er an seine Braut: „Das Näch­ste, ich mache drei Vio­lin­quar­tet­ten“, worauf ihm Clara Wieck iro­nisch, doch besorgt erwiderte: „…kennst du denn die Instru­mente genau?“
Der neue Druck der Quar­tette, von Thomas Kohlhase her­aus­gegeben, besticht durch einen vorzüglichen, großzügi­gen Satzspiegel, blitzsauberes Lay­out und gut les­baren Noten­text. Nur schade, dass der Ver­lag – ver­mut­lich aus Kosten­grün­den – auf ein erk­lären­des Vor­wort und einige kri­tis­che Anmerkun­gen, was Hand­schrift und Abwe­ichun­gen, Über­liefer­ung und Rezep­tion bet­rifft, gän­zlich verzichtete.
Wern­er Bodendorff