Giardini, Felice de

3 Duetti à Fagotto e Viola concerta

Hg. von Helge Bartholomäus, Erstdruck

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Friedrich Hofmeister, Leipzig 2007
erschienen in: das Orchester 12/2007 , Seite 80

Spielt eine Bratsche mit Fagott. Der neueste Bratschen­witz? Nein, selb­st für diese ungewöhn­liche Kom­bi­na­tion gibt es ein paar wenige Orig­i­nalkom­po­si­tio­nen. Unsere bei­den ein­schlägi­gen Fagott-Bib­li­ografien (Bur­chard Bulling, Wil­helmshaven 1989 und Bodo Koenigs­beck, Mon­teux 1994) weisen Werke von 10 Kom­pon­is­ten nach, darunter in bei­den Verze­ich­nis­sen auch Felice de Gia­r­di­ni (1716–1796). Der in Turin geborene Vio­lin­vir­tu­ose schrieb sechs Duet­ti à Fagot­to e Vio­la con­cer­ta ohne Opuszahl, die als Manuskript in der Staats­bib­lio­thek zu Berlin, Stiftung Preußis­ch­er Kul­turbe­sitz, liegen. Da sich der viel gereiste Geiger 1748 auch in Berlin aufhielt, liegt dieses Datum als Entste­hungs­jahr nahe. Danach weilte der Begrün­der ein­er englis­chen Schule des Vio­lin­spiels als Direk­tor der ital­ienis­chen Oper über 40 Jahre in Lon­don und ver­starb in großer Armut und Not 80-jährig in Moskau.
Die ersten drei Duette in G‑Dur, C‑Dur und F‑Dur hat nun Helge Bartholomäus als Erstveröf­fentlichung her­aus­gegeben. Der Fagot­tist der Deutschen Oper Berlin, einst hoch aktiv­er Motor des Berlin­er Fagot­tquar­tetts und Autor des Büch­leins Das Fagot­tensem­ble (Berlin 1992), legt damit erneut eine gediegene Edi­tion zur Bere­icherung des Reper­toires an Fagottmusik vor. Es gibt eine ganz winzig gedruck­te Spiel­par­ti­tur und je eine gut les­bare Stimme für Fagott und Vio­la.
Das Umblät­ter­prob­lem ist nicht opti­mal gelöst. Möchte man auf das ille­gale Fotokopieren verzicht­en, muss der Fagot­tist an zwei Stellen ziem­lich hek­tisch (und ein­händig weit­erblasend) wen­den. Selb­st eine schnelle Bratsche hat im Andante des Duo Nr. 3 mit der hal­ben Pause in Takt 71 kein­er­lei Chance zum Blät­tern.
Man weiß ja nicht, ob das Lay­out, welch­es im Übri­gen in Bezug auf Les­barkeit und Qual­ität keine Wün­sche offen lässt, vom Her­aus­ge­ber oder vom Ver­lag stammt. Der Druck­fehler­teufel hat nur zweimal zugeschla­gen: im Duo Nr. 1, Ron­do, stim­men in Par­ti­tur und Fagottstimme die Tak­tzahlen ab Takt 38 nicht mehr. Ver­mut­lich hat das Noten­schreibpro­gramm das Wieder­hol­ungsze­ichen als Tak­t­strich inter­pretiert. In der Bratschen­stimme ist es kor­rekt, dafür gibt’s in Duo Nr. 2, Ada­gio, in Takt 30 ein falsches Tönchen, das Auflöseze­ichen muss raus.
Die Artiku­la­tion ist recht abwech­slungsre­ich, wie so oft rät­selt man an Par­al­lel­stellen bei unter­schiedlich­er Artiku­la­tion, ob so gewollt oder nicht. Da wäre ein Hin­weis, was vom Autor und was vom Her­aus­ge­ber stammt, hil­fre­ich gewe­sen. Auf­fäl­lig ist die äußerst spär­lich auf­tauchende Dynamik. Ver­mut­lich hält sich Bartholomäus an das Orig­i­nal und hat auf Her­aus­ge­ber­vorschläge verzichtet, Piano kommt vor, ein Forte zum Beginn eines Satzes oder auch nach ein­er Pianopas­sage fehlt so gut wie immer. Die Bratsche ist häu­fig in hoher Lage mit Vio­lin­schlüs­sel einge­set­zt, das Fagott spielt bis zweigestrich­enes b. Was auch ins Auge fällt: Gia­r­di­ni schreibt in den drei jew­eils dreisätzi­gen Duet­ten keine wirk­lich schnellen Sätze. Die Eck­sätze um die Ada­gio-Mit­tel­sätze sind Andan­ti­ni, ein Maestoso und ein Tem­po di Menuet­to grazioso. Beim Musizieren wird sich bald her­ausstellen, dass die Stücke durch etwas zügigere Tem­pi als angegeben nur gewin­nen kön­nen.
Die Duette sind nicht beson­ders vir­tu­os, in Har­monik und Melodieführung nicht ger­ade von Fan­tasie strotzend, eher schlicht mit „Klavier-linke-Hand-Begleitung“ Marke Clemen­ti, Terzenseligkeit und gele­gentlich den Hauch von Ital­ian­ità streifend­en Tri­olen­stellen. Ohne jeden Tief­gang kommt die Neuent­deck­ung daher, aber recht fre­undlich, was einiger­maßen erstaunt, ist doch über­liefert, dass Gia­r­di­ni einen lau­ni­gen und reizbaren Charak­ter hat­te. Bei einem gemis­cht­en Stre­ich­er-Holzbläs­er-Abend kön­nte eines dieser Duettchen dur­chaus Gefall­en find­en. Eines, wie gesagt.
Stephan Weidauer