Alard, Delphin

24 Études Caprices

für Violine op. 41, hg. von Klaus Hertel

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2012
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 73

Ganz und gar der franzö­sis­chen Tra­di­tion ver­haftet ist der Geiger Jean-Del­phin Alard (1815–1888). Bere­its als Zwölfjähriger studierte er bei Habe­neck am Paris­er Kon­ser­va­to­ri­um, wo er später die Nach­folge Bail­lots
antrat. Als wohl bekan­ntesten Schüler brachte er Pablo de Sarasate her­vor.
Vielle­icht ist es ger­ade diese Tra­di­tion, die Alards kom­pos­i­torisches Schaf­fen bish­er eher an den tem­po­ralen sowie lokalen Rand von Überäu­men drängte. So ken­nt doch jed­er Vio­lin­ist die „Stan­dards“ von Viot­ti, Kreutzer, Dont, Rode und Mazas, nicht aber die Alards… Zeit wird es, die Rei­he zu erweit­ern! Get­rost kön­nen hier die 24 Études Caprices ein­gerei­ht wer­den. Klaus Her­tel hat diese in der Schott-Rei­he „Essen­tial Exer­cis­es“ neu her­aus­gegeben. Er stellt Geigern hier­mit wun­der­bare Stu­di­en zur Ver­fü­gung, die in erster Lin­ie klangvoll sind und neben­bei spez­i­fis­che tech­nis­che Her­aus­forderun­gen bein­hal­ten. Let­ztere kom­men dabei nie musikalisch nackt daher – stets sind sie in stim­mungsvolle Melo­di­en einge­bet­tet. Und Spiel­tech­nik lernt und lehrt sich nun mal umso bess­er, je musikalis­ch­er sie ist.
Alards Caprices wan­dern ein­mal um den Quin­ten­zirkel: Das erste Stück begin­nt in C‑Dur, daran schließt das näch­ste in der Par­al­lel­tonart a‑Moll an, das dritte ist in G‑Dur notiert und so weit­er, bis das let­zte schließlich in d‑Moll ste­ht. Eine willkommene Ergänzung also zu Ton­leit­er­stu­di­en. Die Samm­lung enthält im besten Sinn Vor­tragsstücke, die – mehr Capri­cen als Etü­den – zwar jew­eils eine tech­nis­che Schwierigkeit in den Mit­telpunkt stellen, jedoch aus dem musikalis­chen Zusam­men­hang her­aus immer auch unter­schiedliche Tech­niken vom Spiel­er fordern. Das Niveau ist fort­geschrit­ten: Ric­o­chet, Grup­pen­stac­ca­to, Spic­ca­to und Sait­en­wech­sel sind inhaltliche Stich­punk­te zur Bogen­tech­nik; Dop­pel­griffe, Geläu­figkeit, Chro­matik und Lagen­wech­sel sind stel­lvertre­tend zur Linke-Hand-Tech­nik zu nen­nen. Auch wenn sich der Schwierigkeits­grad der Caprices bei Weit­em nicht mit dem der Paganini’schen messen lässt, so wird Spiel­ern doch ein im Ganzen hohes spiel­tech­nis­ches Niveau abver­langt. So unter­schiedlich die einzel­nen Tech­niken der Stücke sind, so unter­schiedlich sind auch deren Gesten und Charak­tere, die vom Walz­er über Tem­po di mar­cia und Alle­gro con ele­gan­za bis hin zum Bolero reichen.
Die neue Aus­gabe enthält begrüßenswerte, sehr geigerische Fin­ger­sätze, die recht bequem liegen und in ihrer Umset­zung dem Klangide­al eines möglichst fließen­den, unun­ter­broch­enen Tons näher kom­men. Her­tel schreibt im Vor­wort, dass es zu ver­mei­den sei, „mit dem­sel­ben Fin­ger auf ein­er anderen Saite in eine neue Lage ‚einzus­prin­gen‘“ und bietet daher „geschmei­di­gere“ Wech­sel an. An dieser Stelle ist allerd­ings offen­bar ein klein­er edi­torisch­er Fehler unter­laufen: Ab dem drit­ten Noten­beispiel im Vor­wort scheinen die ursprünglichen mit den neuen Fin­ger­sätzen verse­hentlich ver­tauscht wor­den zu sein. Dies ist inhaltlich mar­gin­al, jedoch für Vor­wortleser gut zu wis­sen.
Katha­ri­na Bradler