Thorsten Schmid-Kapfenburg
11 Charakterskizzen für Orchester
Variationen über einen Neun-Ton-Raum, Studienpartitur
Münster ist eine schöne Stadt. Am Theater tut der treue Kapellmeister tagein, tagaus seinen vielseitigen Dienst. Nebenher leitet er vor Ort ein weiteres ambitioniertes Orchester, für das er auch komponiert. Klingt nach 17., 18. oder 19. Jahrhundert, ist in Münster aber heute noch Realität: Hier wirkt der Dirigent und Komponist Thorsten Schmid-Kapfenburg. Aktuell erschienen seine 11 Charakterskizzen für Orchester.
Schmid-Kapfenburg erhielt als Kind und Jugendlicher seine musikalische Ausbildung auf den Instrumenten Klavier, Trompete und Violine, bevor er in Hamburg bei Klauspeter Seibel ein Dirigierstudium absolvierte. Parallel dazu nahm er jenseits von akademischen Zwängen Kompositionsunterricht bei Detlev Glanert. Die 1990er-Jahre verbrachte er an den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel, danach war er vier Jahre Solorepetitor und Assistent von Christian Thielemann an der Deutschen Oper Berlin. Seit mehr als zwanzig Jahren ist er nun in Münster beheimatet, hier wurde 2022 vom Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von GMD Golo Berg sein bisher größtes Werk, die Oper Galen (Der Kardinal), uraufgeführt.
Im selben Jahr schrieb Schmid-Kapfenburg die aus eigenen Klavierwerken abgeleiteten 11 Charakterskizzen für seine Alte Philharmonie Münster, von denen der Kritiker der Uraufführung schrieb: Ganz freiwillig und ohne Nötigung verliebte man sich in die kurzen Stücke. Dieser Einschätzung stimmt der Rezensent ohne Einschränkungen zu, die 11 Skizzen (darunter einfach, sinnierend, scherzhaft und skurril) sind wunderbare Petitessen.
Durch die Instrumente ziehen sich Klangfarbenmelodien, jede einzelne Stimme ist gleichwertig, alle haben zu tun. Sich ablösende Kürzestsoli von der Tuba bis zur Violine wechseln mit komplexen Klangflächen, musikantisch Theatralisches mutiert ins Kantable. Mal tönt es knapp wie bei Webern, mal unvorherhörbar wie bei Cage. Mal strukturiert ein Trommelrhythmus, mal dreht sich ein Walzer, mal ruft im Notturno ein Waldteufel. Die freitonale Musiksprache Schmid-Kapfenburgs genügt aber nicht nur sich selbst, mit ihr baut er in den Einzelstücken sowie in der Großform raffinierte Spannungsarchitekturen.
Abschließend der Epilog: pompös, in dem kontrastierende Klangflächen mit großen Dynamikunterschieden gegen- und übereinander geschichtet werden, am Ende implodiert ein fulminantes Tutti zu einem hohlen Pianissimoklang von drei Violinen.
Die 11 Charakterskizzen für Orchester sind eine intelligente Musik mit Charme, gut spielbar und höchst effektvoll, gemacht mit Liebe für die Ausführenden und das Publikum. Eine herzliche Empfehlung an alle Orchestervorstände, Dirigentinnen und Dirigenten.
Stephan Froleyks


