Margotin, Philippe

100 Jahre Jazz

Von der Klassik zur Moderne: Die größten Stars

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Delius Klasing, Bielefeld 2017
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 59

Män­ner machen die Geschichte, auch die des Jazz. Dem pop­ulären Gedanken hängt auch 100 Jahre Jazz nach. Der groß­for­matige Bild­band, der erst­mals 2013 in Frankre­ich und nun in deutsch­er Über­set­zung erschienen ist, „erin­nert an die größten Jazzmusik­er, an die ersten Meis­ter des Gen­res“, wie es in der Ein­leitung heißt. Der Unter­ti­tel unter­stre­icht den Superla­tiv noch: Von der Klas­sik bis zur Mod­erne: die größten Stars.
Bevor dem Star­tum gehuldigt wird, stellt Philippe Mar­gotin die zwei großen Epochen des Jazz, die man mit alt und neu beze­ich­nen kön­nte, kurz dar. Von ein­er beab­sichtigten „kom­plet­ten Stilgeschichte“ ist der­gle­ichen weit ent­fer­nt; sie dient lediglich dazu, den Hin­ter­grund für das „Panop­tikum von Porträts der grandiosen Stars“ abzugeben.
Ins­ge­samt bietet Mar­gotin 63 Star­porträts, beste­hend jew­eils aus ein­er Kurzbi­ografie und ein­er Auflis­tung der bedeu­tend­sten Dat­en des musikalis­chen Wirkens, hier „Sig­natur“ genan­nt. Die Anfänge in New Orleans („Wiege des Jazz“) nen­nt mit Hot Jazz und Swing-Ära „geniale Solis­ten“. An erster Stelle ste­ht Louis Arm­strong, dessen Geburt­s­jahr immer noch mit 1898 falsch angegeben wird, gefol­gt von Dutzen­den weit­eren illus­tren Namen: Duke Elling­ton, Count Basie, Sid­ney Bechet, Ben­ny Carter, Ben­ny Good­man, Glenn Miller und Artie Shaw. Selb­stre­dend wird dem „franzö­sis­chen Swing“ mit Djan­go Rein­hardt und Stephane Grap­pel­li ein eigenes Kapi­tel gewid­met. Die „zweite Epoche“ wird von „Div­en und Roman­tik“ ange­führt. Sind die anschließen­den Musik­er, die dem Nachkriegs-Jazz Bebop, Cool und West Coast zuge­ord­net wer­den, hin­länglich repräsen­ta­tiv – unver­ständlich freilich, warum Cole­man Hawkins nicht genan­nt wird und Miles Davis bei „Cool“ auf­taucht –, so sind die „Neuen Klang­wel­ten“, die bis in die Gegen­wart reichen, recht lück­en­haft.
Für einen ersten Überblick mögen diese 63 Porträts mit Biografien, Stilmerk­malen, Kar­ri­ere­höhep­unk­te, per­sön­lichen Geschicht­en und Fotos, von einem knap­pen Glos­sar begleit­et, ohne Reg­is­ter lei­der, aus­re­ichen. Von ein­er Gesamt­darstel­lung freilich kann keine Rede sein. Spielarten des mod­er­nen Jazz wie Jaz­zrock, Elec­tric Jazz oder Free Jazz kom­men nicht vor, Namen wie Ornette Cole­man oder Cecil Tay­lor fehlen. Auch Weath­er Report, eine der prä­gend­sten Bands der siebziger Jahre, wird ver­schwiegen, Europa fast ganz ver­nach­läs­sigt. Es waren ja, liest man, „wenige Europäer, denen es gelang, im Jazz Furore zu machen.“ So kann 100 Jahre Jazz allen­falls Aus­gangspunkt sein für eine weit­ere Beschäf­ti­gung mit der Jaz­zgeschichte. Lei­der geht Philippe Mar­gotin, der mit gewis­sen Vor­lieben liebäugelt, allzu plaka­tiv „mit­ten hinein in die Geschichte des jun­gen, dynamis­chen Ameri­ka“, ohne auf soziale oder poli­tis­che Imp­lika­tio­nen einzuge­hen.
Rein­er Kobe