Stamitz, Carl
Violakonzert Nr. 1 D-Dur
Klavierauszug, Urtext
Ob Profi oder Laie, das D-Dur-Konzert von Carl Stamitz wird wohl fast jeden Bratscher sein Leben lang begleiten: Zwar ist es im Konzertsaal nicht unbedingt häufig zu hören, dafür aber der Probespiel-Dauerbrenner schlechthin. Nun haben Norbert Gertsch und Annemarie Weibezahn eine neue Urtext-Ausgabe vorgelegt und dafür die vier wichtigsten Quellen durchgesehen: den Pariser Stimmen-Erstdruck von 1773/ 74 (den man in Ermangelung einer autografen Partitur als Hauptquelle ansehen muss), eine diesem nahe stehende Stimmenabschrift aus dem Prager Nationalmuseum (möglicherweise von Stamitz selbst stammend), den korrigierten Frankfurter Nachdruck aus der Zeit zwischen 1775 und 1780 sowie die so genannte Burgsteiner Abschrift aus der Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Abweichungen der Quellen untereinander sind im Anhang detailliert wiedergegeben, Entscheidungen für bestimmte Lesarten oder Varianten im Einzelfall belegt. Spektakuläre Entdeckungen hat es erwartungsgemäß nicht gegeben: Am überraschendsten ist eine kurze Passage im ,,Minor-Abschnitt des Rondos, in der Stamitz offenbar pizzicati mit der linken Hand vorsah. Ansonsten geht es vornehmlich um die Beseitigung offensichtlicher Stichfehler und rhythmischer Ungereimtheiten, die Klärung von Legato-Bögen und Überbindungen sowie um Artikulations- und Verzierungsfragen. Kurz: Die Ausgabe bietet eine umfassende Entscheidungs-Grundlage für nahezu alle Belange des Notentextes.
Auch die praktische Einrichtung lässt kaum Wünsche offen: Das Druckbild ist angenehm und deutlich, es gibt Taktzahlen und sinnvolle Wendestellen. Der Klavierauszug von Johannes Umbreit überzeugt durch Sorgfalt und leichte Spielbarkeit. Im dritten Satz sind die Wiederholungen des Rondo-Themas nach den Couplets ausgeschrieben, umständliches Zurückblättern entfällt. Als zusätzlichen Service bietet ein eigener Anhang auf fünf Seiten verschiedene von Robert D. Levin verfasste Kadenzen und Eingänge samt diverser Kombinationsmöglichkeiten. Schließlich enthält die Solo-Stimme zahlreiche Vorschläge für Fingersätze und Strichbezeichnungen von Jürgen Weber (was allerdings bei eigenen Lösungen erst einmal heftiges Durchstreichen nach sich zieht).
Damit dürfte die Ausgabe (insbesondere was das Preis-Leistungs-Verhältnis angeht) derzeit konkurrenzlos dastehen. Bleibt zu wünschen, dass bald auch das dazu passende Orchestermaterial erscheint.
Joachim Schwarz

