Anton Bruckner
Symphony No. 9 – Completed Version
London Philharmonic Orchestra, Ltg. Gerd Schaller
Der Dirigent Gerd Schaller hat sich über viele Jahre den Ruf eines Bruckner-Spezialisten erarbeitet. Der Gründer des Ebracher Musiksommers und des Orchesters Philharmonia Festiva hat sich weitgehend aus dem „normalen“ Musik- betrieb zurückgezogen und sich dem Projekt, alle Sinfonien Anton Bruckners in allen vorliegenden Fassungen einzuspielen, gewidmet – hinzu kommen Bearbeitungen der Fünften und der Achten für Orgel, die Schaller selbst eingerichtet und wie die sonstigen Sinfonien bei dem Label Hänssler Profil eingespielt hat. Zudem hat Schaller seltenes Repertoire wie Carl Goldmarks Oper Merlin oder die e-Moll-Messe von Johann von Herbeck aufgenommen. Seit vielen Jahren hat er sich intensiv mit den Skizzen und deren Ergänzung zum unvollendeten Finale von Bruckners Neunter beschäftigt, eine „Fassung“ von 2014 auch schon eingespielt. Nun macht er einen weiteren diskussionswürdigen Anlauf mit einer 2024 revidierten Version des Finales, diesmal mit dem London Philharmonic Orchestra.
Anton Bruckner komponierte die Neunte zwischen 1887 und 1896 mit vielen Unterbrechungen. Falls es ihm nicht mehr gelingen sollte, das Finale zu komplettieren, hatte Bruckner sein Te Deum als „Ersatz“ vorgeschlagen. Schaller steht bei dieser erneuten Beschäftigung mit der Neunten mit dem London Philharmonic Orchestra ein hervorragender Klangkörper, aber auch eine ebensolche Aufnahmetechnik mit weitgespannter Dynamik und großer Räumlichkeit zur Verfügung. Vom Kopfsatz („Feierlich, Misterioso“) an setzt Schaller auf vorwärtsdrängende und spannungsreiche Tempi. Misterioso wird nicht als Lizenz zum Verschleppen gesehen, die Höhepunkte werden mit Kraft, aber dennoch transparent angegangen. Auch dem Scherzo bleibt der Dirigent am Pult der fulminant reagierenden Londoner die fast schmerzhafte Wucht nicht schuldig, so schroff und modern hört man diese Musik selten. Lyrische Episoden werden ausgespielt, nicht verzärtelt. Den nötigen langen Atem für das Adagio hat er ebenso. Dieser „Abschied vom Leben“ mit seinen Selbstzitaten (Adagio der 8. Sinfonie, Gloria der d-Moll Messe) profitiert bei aller Expressivität von der Fähigkeit des Dirigenten, die gewaltigen Ausbrüche in den Gesamtverlauf zu integrieren. Schaller bearbeitete die Skizzen zum Finale, von einer Rekonstruktion des Satzes spricht er aus gutem Grund nicht, sondern von „aus der Gesamtschau aller Fragmente eine möglichst authentische Vervollständigung zu schaffen“. Dies gelingt Schaller auch dank seiner genauen Kenntnis des Spätstils von Bruckner eindrucksvoll, auch wenn die „Unvollendete“ Bruckners trotz dieser hörenswerten Finallösung weiterhin ihren Torso-Charakter nicht verlieren wird.
Thomas Weiss


