Peter Gülke
Menschen, Zeiten, Musik
Mit einer Reihe knapp angesprochener Beispiele des Zu-Ende-Gehens in Musik und Literatur beschließt Peter Gülke sein letztes Buch. Am Schluss schreibt er, wohl im Januar 2026: „Was die eigenste ‚Sach‘ betrifft, sollten wir von Glück sagen, dass wir nicht wissen, wann sie ‚ein Ende hat‘.“ Am 26. April, kurz vor seinem 92. Geburtstag, ist Gülke in seiner Heimatstadt Weimar gestorben. Mit ihm verlor die Musikwelt und überhaupt das Geistesleben einen Mann, der wie kaum ein anderer Kunst und Wissenschaft zu verbinden verstand und ein Künste, Wissenschaften und Leben umgreifendes und integrierendes Nachdenken betrieb. In der Stichwortreihung des Buchtitels müsste eigentlich noch das Wort „Leben“ stehen. Gülke versteht es, Kunstwerke in ihren existenziellen Gehalten zu erfassen. Zudem spricht er in seinem Buch immer wieder mit dem Erfahrungsschatz des Alters über Befindlichkeiten und Perspektiven menschlichen Lebens.
Der Band vereint 111 kürzere Texte. Einige umfassen nur ein paar Zeilen, andere, als Essays angelegt, mehrere Seiten. Behutsam und doch deutlich charakterisierend porträtiert Gülke viele prominente, zum Teil eng mit ihm befreundete Persönlichkeiten, ebenso auch private Bekanntschaften aus verschiedenen Lebensphasen. Er berichtet von seiner jahrzehntelangen Arbeit als Dirigent. Auch Philosophie, Religion und Neurowissenschaften werden einbezogen. Intensiv befasst er sich mit Musikwerken vom Mittelalter bis zur Gegenwart, spürt ihren Botschaften und Wirkungen nach, verfolgt ihre charakteristischen Strukturen bis in feinste Verästelungen. Fortwährend zieht er Querverbindungen zwischen Musikstücken, Werken der Literatur und der Bildenden Künste aus vielen Epochen und Ländern. Gülke meistert die Kunst, intuitiv Wahrgenommenes zu versprachlichen und gedanklich zu fundieren. Nie kommt der Eindruck auf, dass da jemand bloße Zettelkastensammlungen aufbereitet; stets leuchten die vielen Zitate und Bezugnahmen in sinnreichen Zusammenhängen auf.
Durch die Buntheit und das „aleatorische Durcheinander“ (Gülke) der vielen kleinen Texte ist die Lektüre häufig kurzweilig, obwohl Gülke gelegentlich zu einer verschlungenen, mäandernden Diktion neigt, die das Mehrfachlesen vieler Sätze erfordert. Anspruchsvoll sind die musikalischen Analysen. Etliche lassen sich nur in Verbindung mit den Notentexten nachvollziehen.
Gülkes Lebensleistung verdient höchste Bewunderung. Dankbar dürfen wir sein, dass es ihm vergönnt war, dieses überbordend reiche Musik-, Kunst- und Lebensbuch zu vollenden.
Ulrich Mahlert


