Peter Gülke

Menschen, Zeiten, Musik

Rubrik: Rezensionen
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler, Kassel/Berlin
erschienen in: das Orchester 11/2026 , Seite 73

Mit einer Reihe knapp angespro­chener Beispiele des Zu-Ende-Ge­hens in Musik und Literatur be­schließt Peter Gülke sein letztes Buch. Am Schluss schreibt er, wohl im Januar 2026: „Was die eigenste ‚Sach‘ betrifft, sollten wir von Glück sagen, dass wir nicht wissen, wann sie ‚ein Ende hat‘.“ Am 26. April, kurz vor seinem 92. Geburtstag, ist Gülke in seiner Heimatstadt Weimar gestorben. Mit ihm verlor die Musikwelt und überhaupt das Geistesleben einen Mann, der wie kaum ein anderer Kunst und Wissenschaft zu verbinden verstand und ein Künste, Wissenschaften und Leben umgreifendes und in­tegrierendes Nachdenken betrieb. In der Stichwortreihung des Buchtitels müsste eigentlich noch das Wort „Leben“ stehen. Gülke versteht es, Kunst­werke in ihren existenziellen Gehalten zu erfassen. Zudem spricht er in sei­nem Buch immer wieder mit dem Erfahrungsschatz des Alters über Befind­lichkeiten und Perspektiven menschlichen Lebens.
Der Band vereint 111 kürzere Texte. Einige umfassen nur ein paar Zeilen, andere, als Essays angelegt, mehrere Seiten. Behutsam und doch deutlich charakterisierend porträtiert Gülke viele prominente, zum Teil eng mit ihm befreundete Persönlichkeiten, ebenso auch private Bekanntschaften aus ver­schiedenen Lebensphasen. Er berichtet von seiner jahrzehntelangen Arbeit als Dirigent. Auch Philosophie, Religion und Neurowissenschaften werden einbezogen. Intensiv befasst er sich mit Musikwerken vom Mittelalter bis zur Gegenwart, spürt ihren Botschaften und Wirkungen nach, verfolgt ihre charakteristischen Strukturen bis in feinste Verästelungen. Fortwährend zieht er Querverbindungen zwischen Musikstücken, Werken der Literatur und der Bildenden Künste aus vielen Epochen und Ländern. Gülke meistert die Kunst, intuitiv Wahrgenommenes zu versprachlichen und gedanklich zu fundieren. Nie kommt der Eindruck auf, dass da jemand bloße Zettelkas­tensammlungen aufbereitet; stets leuchten die vielen Zitate und Bezugnahmen in sinnreichen Zusammenhängen auf.
Durch die Buntheit und das „aleatorische Durcheinander“ (Gülke) der vielen kleinen Texte ist die Lektüre häufig kurzweilig, obwohl Gülke gele­gentlich zu einer verschlungenen, mäandernden Diktion neigt, die das Mehr­fachlesen vieler Sätze erfordert. Anspruchsvoll sind die musikalischen Ana­lysen. Etliche lassen sich nur in Verbindung mit den Notentexten nachvoll­ziehen.
Gülkes Lebensleistung verdient höchste Bewunderung. Dankbar dürfen wir sein, dass es ihm vergönnt war, dieses überbordend reiche Musik-, Kunst- und Lebensbuch zu vollenden.
Ulrich Mahlert

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