Hubert Moßburger
Mozarts Klavierkonzerte
Fakten und Fiktionen
Mozart-Konzertführer in Buchform gibt es wie Sand am Meer. Dabei schauen die meisten Konzertbesucher sowieso nur auf ihr Handy, denn ihr gesamtes Wissen tragen sie immer bei sich. Wozu also Hubert Moßburgers Neuerscheinung Mozarts Klavierkonzerte überhaupt aufschlagen? Das erste Kapitel heißt „Debüt in D-Dur“ und beginnt mit dem Satz: „In unserer Stadt sollte ein Klavierkonzert gegeben werden.“ Ach du meine Güte, denkt der erfahrene Konzertführer- und Programmhefteleser, da schreibt einer, der nicht einmal die Gattung „Klavierkonzert“ von der Veranstaltung „Konzert mit Klavier“ unterscheiden kann. Wer macht sowas, und warum veröffentlicht es der renommierte Schott-Verlag?
Wir lesen leicht pikiert weiter. Da schreibt ein Musikwissenschaftsstudent in Ich-Form, dass er beauftragt wurde, eine Konzerteinführung zu halten, was er bisher noch nie getan hat. Er stürzt sich in seine Aufgabe, etwas einigermaßen Sinnvolles über Mozarts selten gespieltes, allererstes Klavierkonzert KV 175 vorzutragen – die meisten Mozart-Experten halten dieses Konzert für (noch) kein Meisterwerk des 17-Jährigen. „Meine Einführung in Mozarts D-Dur-Debüt könnte ein Durchfall in d-Moll werden“, fürchtet der Student, der das Erstlingswerk eigentlich auch für misslungen hält. Er sitzt in der Klemme, doch eine hübsche Bibliothekarin hilft ihm mit dem Hinweis auf eine spätere Mannheimer Arie für Aloysia, die Motive aus dem Konzert zitiert: Mozart selbst schien das Konzert nicht ganz misslungen zu finden, als er die Arie für die Angebetete schrieb. Im Gegenteil: „Die schlaff herabhängenden Sexten (richten sich) beim Anblick von Aloysia zu einer Mannheimer Rakete auf.“ Holla! Ein üblicher Konzertführer ist das nicht! Der Student liest die Partitur neu, hört die Aufnahmen genauer, und siehe da: „Dieser Mozart wurde mir immer sympathischer.“ Der Musikwissenschaftler Hubert Moßburger erfindet jedenfalls 16 weitere Geschichten. In jeder einzelnen werden die Besonderheiten der Werke auf sehr originelle Weise und ohne besserwisserische Oberlehrerhaftigkeit spannend erzählt. Ganz nebenbei klärt der Autor über hartnäckige Missverständnisse und Irrtümer auf, weist älteren Publikationen gelegentlich nach, dass sie nur voneinander abgeschrieben haben und stellt einige lieb gewordene Legenden vom wirren Kopf auf die realen Füße.
Einzig der sachliche Titel dieser Publikation führt etwas in die Irre, denn mit einem normalen Konzertführer hat dieses Buch nichts zu tun. Hingegen handelt es sich um eine spannende, manchmal heitere, immer aber wissenschaftlich unterlegte Quasi-Roman-Lektüre in 17 Episoden, die jedem Musikenthusiasten zu empfehlen ist.
Matthias Roth


