Charles Silver

La Belle au bois dormant. Oper in vier Akten

Guylaine Girard, Julien Dran, Kate Aldrich, Thomas Dolie, Matthieu Lécroart, Clemence Tilquin, Adrien Fournaison, Hungarian National Choir, Hungarian National Philharmonic Orchestra, Ltg. György Vashegyi

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Bru Zane
erschienen in: das Orchester 10/2026 , Seite 73

Diese nach Lalos Le Roi d’Ys und Cherubinis Les Abencérages im Müpa Budapest entstandene Einspielung von La Belle au bois dormant des Komponisten Charles Silver ist eine echte Kuriosität der Stiftung Bru Zane in ihren inzwischen 47 CD-Büchern mit Musiktheater des langen 19. Jahrhunderts. Vom Bühnengenre der französischen Féerie kennt man heute in erster Linie Jules Massenets Cendrillon und vielleicht noch Offenbachs Le Roi Carotte. Die Wiederentdeckung des heute vollkommen unbekannten Komponisten schürft tief in der Belle Époque. Das 1902 in Marseille uraufgeführte Opus bestätigt, dass es in Frankreich neben Paris und Monte-Carlo ebenfalls spannende und erfolgreiche Opern gab. Zudem bringt die „Féerie lyrique“ auf das Textbuch von Michel Carré und Paul Collin nach dem Märchen von Charles Perrault eine weitere Adaption des „Dornröschen“-Stoffs nach den Brüdern Grimm in Erinnerung.
Charles Silver (1868 – 1949) war ein Schüler von Théodore Dubois und Jules Massenet. Seine Shakespeare-Oper La Mégère apprivoisée (Der Widerspenstigen Zähmung) stand längere Zeit auf dem Spielplan der Pariser Oper. Den Einfluss seines Kompositionslehrers Massenet merkt man in vielen Instrumentalpassagen und rhythmischen Feinheiten von Silvers La Belle au bois dormant.
György Vashegyi holt mit der Ungarischen Nationalphilharmonie aus der von Bru Zane revidierten Choudens-Ausgabe die ideale Verhältnismäßigkeit von dichter Pracht und feinen Valeurs. Vor allem in den Partien Aurores und des Prinzen gibt es betörend schöne Passagen zwischen Stimmen und Orchester. Guylaine Girard gestaltet sensibel, hat aber nicht ganz das charismatische Timbre, das man sich für Partien wie Manon, Thaïs oder Aurore erwartet. Die Komposition gewinnt mit den dramatisch-koloristischen Herausforderungen an Spannung und Dichte, was auch dem als Prinz und fahrender Ritter idealen Tenor Julien Dran zugutekommt. Kate Aldrich setzt als böse Fee Urgèle plastische und maliziöse Akzente, Matthieu Lécroart übernimmt die komödiantische Figur des Barnabé. Der Ungarische Nationalchor agiert in der Einstudierung von Csaba Somos gekonnt.
Märchenoper als Zeitdokument: Diese Partitur besticht weniger durch Überraschungen als durch den Beweis, dass das lyrische Opernkonzept von Massenet, Gounod und Delibes auch nach 1900 noch Wirkungsmächtigkeit hatte. Mit La Belle au bois dormant setzt sich Silver mehr in Beziehung zu diesen als zu den modernen Energien von Debussy oder Reynaldo Hahn.
Roland Dippel

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