Hans Werner Henze
Sinfonia
Rundfunkchor Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Ltg. Michael Gläser, Marek Janowski
Dieses Jahr jährt sich der Geburtstag von Hans Werner Henze zum hundertsten Mal. Wer kennt ihn nicht, diesen genialen Komponisten, der insbesondere durch seine zahlreichen Opern auf sich aufmerksam machte. Sie sind Musterbeispiele eines zeitgenössischen Opernrepertoires. Aber auch als Symphoniker leistete Henze Beachtliches – er gilt als der bislang letzte Symphoniker.
Auf die nicht wirklich überkommene Form der Symphonie legte Henze bereits in jungen Jahren ein Hauptgewicht seiner umfangreichen Kompositionen. Während die Form der Symphonie nach dem Zweiten Weltkrieg vielen anderen Komponisten fragwürdig erschien, ging Henze ganz in ihr auf. 1946 schuf er die ersten Skizzen seiner ersten Symphonie, die er 1991 noch einmal in einer überarbeiteten Form präsentierte und die sich noch in etwas traditionelleren Bahnen bewegt als ihre Nachfolgerinnen. Bereits die zweite Symphonie gibt sich moderner, weist indes aber durchaus noch Anklänge an Bach und Beethoven, Mahler und Berg auf. In der Folge wurden Henzes Symphonien insbesondere von der Dodekafonie geprägt. Die Zwölftontechnik war bezeichnend für seine symphonische Arbeit. Die dritte Symphonie präsentiert sich als „imaginäre“ Ballettmusik. Die vierte Symphonie lehnt sich an Henzes 1956 uraufgeführte Oper König Hirsch an. Parallelen zu einer Oper weist auch Henzes fünfte Symphonie auf. Hier wird ein Bezug zu Elegie für junge Liebende deutlich spürbar. Revolutionären Charakter weist seine für Kuba entstandene sechste Symphonie auf, die stark politisch geprägt ist. Mit seiner siebten Symphonie verneigt sich Henze vor dem Dichter Friedrich Hölderlin, dessen Leiden er in diesem Werk musikalisch eindringlich schildert. Der Dichtkunst, nämlich Shakespeares Sommernachtstraum, entspringt auch die achte Symphonie. In seiner auf Anna Seghers Roman Das siebte Kreuz beruhenden neunten Symphonie setzt sich Henze zum ersten Mal in seinem Schaffen mit dem Nationalsozialismus auseinander. Zudem setzt er hier verstärkt den Chor ein. Damit knüpft er deutlich an Beethovens neunte Symphonie an. In der zehnten Symphonie, die mitnichten ein Alterswerk ist, stellt Henze noch einmal die große symphonische Tradition in den Vordergrund.
Bei Altmeister Marek Janowski und dem blendend disponierten Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sind Henzes Symphonien in den besten Händen. Der Dirigent beweist ein treffliches Gespür für diese Musik, die er prägnant, intensiv und treffsicher auslotet. Mit äußerster Spannung und in höchstem Maße energiegeladen weist Janowski den Musiker:innen den Weg durch Henzes Partituren, wobei er obendrein sehr detailgenau vorgeht und ein gutes rhythmisches Gefühl an den Tag legt. Hier haben wir es mit einer sehr empfehlenswerten Einspielung zu tun, für deren Wiederveröffentlichung man dem Label Wergo herzlichen Dank aussprechen kann.
Ludwig Steinbach


