Frank Martin

Concerto pour 7 instruments à vent/Études/Polyptyque

Bartłomiej Nizioł (Violine), Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Ltg. Philippe Bach

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Note1 Music
erschienen in: das Orchester 9/2026 , Seite 77

Obwohl der Schweizer Frank Martin zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gehört, ist sein reichhaltiges Schaffen in den Konzertprogrammen nur zu einem recht überschaubaren Teil präsent. Dazu gehören das Oratorium Golgotha, die Sechs Monologe aus „Jedermann“ für Bariton und Orchester, das Violinkonzert und das Klaviertrio nach irischen Volksliedern. Diskografisch sieht es hingegen weitaus besser aus, weite Teile seines OEuvres sind in qualitativ hochwertigen Einspielungen erhältlich. Frank Martin wurde 1890 als Sohn eines calvinistischen Pfarrers in Genf geboren und starb 1974 in den Niederlanden. Im Laufe seines Komponistenlebens verschmolz Martin unterschiedlichste Einflüsse. Johann Sebastian Bach war bei ihm schon früh präsent, französische Farbigkeit verbindet sich bei ihm mit frei gehandhabter Dodekaphonie.
Eine neue CD des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn widmet sich nun Werken von Martin, die zwischen 1949 und 1973 komponiert wurden. Die sehr räumlich aufgenommene CD unter Leitung des konzentriert agierenden Schweizer Dirigenten Philippe Bach reiht sich nahtlos in eine Vielzahl von beachtlichen Einspielungen des Württembergischen Kammerorchesters ein. Die zwei Instrumentalkonzerte und die vier Etüden, die hier versammelt sind, gehören der Spätphase des Schaffens von Martin an. Sein 1949 entstandenes Concerto pour 7 instruments à vent, timbales, batterie et orchestre à cordes bezeichnete er als einen „Akt der Befreiung“: Nach der Arbeit an Golgotha mit seiner großen Besetzung für Solisten, Chor und umfangreiches Symphonieorchester konnte ihm „nur die Instrumentalmusik das Gefühl der Freiheit wiederbringen“. Die Flötistin Miriam Terragni, Simone Sommerhalder (Oboe), der Klarinettist Bernhard Röthlisberger, Giuliano Sommerhalder (Trompete) und der Posaunist Dany Bonvin verleihen diesem Werk packende Gestalt und transformieren die Form des barocken Concerto grosso ins 20. Jahrhundert. Ausdruckskraft und kompositorische Souveränität verbinden sich zu einem außergewöhnlichen Werk.
Auch das Konzert Polyptyque – Six images de la Passion du Christ für Solovioline und geteiltes Streich orchester, 1973 von Yehudi Menuhin uraufgeführt, greift auf ein barockes Genre zurück: Instrumentalmusik mit religiöser Programmatik wie beispielsweise Bibers Rosenkranzsonaten. Inspiration fand Frank Martin in Siena beim Maestà-Polyptikum mit seinen Passionsdarstellungen, wobei keine direkte Umsetzung der Bildgehalte, sondern die von ihrer Betrachtung ausgelösten Bewusstseinsströme in das packende Konzert einflossen. Mit hoher geigerischer Kompetenz stellt sich Bartłomiej Nizioł den Anforderungen des Werks, wobei ihm die Streicher des Württembergischen Kammerorchesters gleichgestimmte Partner sind. Diese können unter der Leitung von Philippe Bach bei den „Etüden für Streichorchester“ einmal mehr ihren hohen Standard beweisen.
Thomas Weiss

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