Georges Bizet
Carmen
Adèle Charvet, Julien Behr, Florie Valiquette, Alexandre Duhamel, Matthieu Walendzik, Attila Varga-Tóth u. a. (Gesang), Chœur de l'Opéra Royal de Versailles, Ltg. Hervé Niquet
Im Rahmen der Collection Opéra Français ist bei Château de Versailles/Spectacles Georges Bizets Carmen erschienen. In der Box findet man von dieser bemerkenswerten Oper sowohl eine drei Silberscheiben umfassende CD-Einspielung als auch eine DVD, auf der die dieser Aufnahme zugrunde liegende Aufführung bildlich festgehalten ist.
Ohne Zweifel stellt die Carmen einen Höhepunkt der Gattung Oper dar. Bei ihrer Uraufführung im März 1875 war dem Werk indes noch kein Erfolg beschieden. Das Publikum störte sich an Bizets revolutionären Abweichungen von der traditionellen Form der Opéra comique. Auch die Kritiken fielen negativ aus. Einige Zeit hatte es den Anschein, als ob Bizets Oper ganz schnell wieder in der Versenkung verschwinden würde. Dann aber stellte sich mit einer Produktion in Wien im Oktober 1875 schlagartig der Erfolg ein, der bis heute anhält. Einer der größten Anhänger der Carmen war Friedrich Nietzsche, der sie vehement gegen Richard Wagner ausspielte. Für Wien ließ der Verlag eine Rezitativ-Fassung erstellen. Die Dialoge werden bei heutigen Inszenierungen fast immer gesprochen. In der vorliegenden Aufnahme sind indes die vertonten Rezitative zu hören. Hervé Niquet dirigiert das Werk spritzig, flüssig und mit eindrucksvollen Akzenten. Das Orchestre de l’Opera Royal setzt seine Intentionen konzentriert und klangschön um.
Die auf der DVD festgehaltene Aufführung ist rein szenisch nicht gerade ein Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte. Die Inszenierung von Romain Gilbert mit dem Bühnenbild von Antoine Fontaine und Christian Lacroix’ opulenten Kostümen ist sehr konventionell, altmodisch und insgesamt ausgesprochen langweilig. Von spannendem Musiktheater kann überhaupt keine Rede sein. Szenisch stellt diese misslungene, zu einem reinen Ausstattungsschinken verkommende Produktion eine bittere Enttäuschung dar!
Da sind die gesanglichen Leistungen schon um einiges besser. Die Carmen von Adèle Charvet zeichnet sich durch einen gut fokussierten, sinnlichen Mezzosopran aus. Neben ihr bewährt sich in der Rolle des Don José mit hellem, ebenfalls trefflich fundiertem Tenor Julien Behr. Einen stimmstarken, charismatischen Escamillo gibt Alexandre Duhamel. Großen lyrischen Wohlklang verbreitet Florie Valiquette als Micaëla. Mit kraftvollem, profundem Bariton wertet Halidou Nombre die kleine Partie des Morales auf. Sonor und tiefgründig klingt Nicolas Certenais’ Zuniga. Eine angenehm singende Mercédès ist Ambroisine Bré. Gwendoline Blondeel könnte die Frasquita etwas besser im Körper singen. In gleicher Weise lediglich mittelmäßig mutet der Remendado von Attila Varga-Tóth an. Etwas besser schneidet Matthieu Walendzik in der Partie des Dancaire ab. Eine treffliche Leistung erbringt der Chœur de l’Opéra Royal.
Ludwig Steinbach


